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Am Pulsschlag der Stromflüsse im Osten

Dirk Biermann ist Geschäftsführer des Stromnetzbetreibers 50Hertz Transmission GmbH.
Dirk Biermann ist Geschäftsführer des Stromnetzbetreibers 50Hertz Transmission GmbH. FOTO: dpa
Neuenhagen. Zwischen Energieerzeuger und Verbraucher – der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz steuert die großen Stromflüsse in den ostdeutschen Bundesländern und im Raum Hamburg. An einem Ort laufen alle Fäden zusammen. Anna Ringle und Michael Heitmann

Es leuchtet rot, es leuchtet grün, ein Signal ertönt plötzlich: Hier in einer modernen Warte in einem Industrie- und Gewerbegebiet bei Berlin blinkt es auf einer riesigen Wand an vielen Stellen. Der Stromfluss in den großen Übertragungsnetzen in ganz Ostdeutschland und im Raum Hamburg ist in Echtzeit abgebildet. In welchem Netzabschnitt gibt es gerade ein Problem? Wie groß ist das Ausmaß? Experten sitzen an Computern, telefonieren und beratschlagen zur Lage. Hier im brandenburgischen Neuenhagen hält der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz die Fäden zusammen. Immer häufiger ist nach Unternehmensangaben die Abstimmung mit den Nachbarländern Polen und Tschechien notwendig.

"Die Zusammenarbeit mit dem Ausland wird immer komplexer", sagt der 50Hertz-Geschäftsführer für Märkte und Systembetrieb, Dirk Biermann. Der Manager steht vor der Wand in der Netzwarte und deutet auf eine rote Leitung. Es geht um eine Verbindung vom Raum Chemnitz in Sachsen nach Tschechien, die wegen Umbauarbeiten zu diesem Zeitpunkt gerade außer Betrieb ist. Alles nach Plan. Aber in einer unweit davon verlaufenden Leitung ins Nachbarland gibt es ein Problem. "Es läuft mehr Strom nach Tschechien, als prognostiziert war", sagt Biermann. Die Fachleute müssen sich nun mit den tschechischen Kollegen abstimmen, damit es in einigen Stunden nicht zu einer Überlastung kommt.

Ein Übertragungsnetzbetreiber - neben 50Hertz gibt es noch drei weitere in Deutschland - hat die Aufgabe, die großen Stromleitungen in Betrieb zu halten und die Netze auszubauen. Es geht also nicht um alle Stromleitungen in Deutschland. Von den Übertragungsnetzen gehen kleinteiligere Netze in Kommunen und Dörfer ab, für die 50Hertz nicht zuständig ist. In dem Gebiet, das der Netzbetreiber betreut, leben nach Unternehmensangaben rund 18 Millionen Menschen.

Dass die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern Polen und Tschechien intensiver geworden ist, wird auf den Ausbau der erneuerbaren Energien und den zugleich schleppender als geplant verlaufenden Netzausbau in Deutschland zurückgeführt. Windkraft-Energie aus dem Norden etwa muss in südliche Bundesländer geleitet werden. In den Grenzregionen nimmt der Strom immer wieder auch den Weg über Leitungen der Nachbarländer gen Süden, weil hierzulande bislang noch zusätzliche Leitungen fehlen, wie Biermann erläutert.

Das Ganze führte schon zu viel Unmut. Tschechien hatte jahrelang über eine Überlastung des eigenen Netzes geklagt. Zu kritischen Zeiten soll demnach sogar ein Blackout gedroht haben.

50Hertz und der tschechische Übertragungsnetzbetreiber CEPS entschieden sich deshalb zu einer Art Steuerungs-Funktion an den Ländergrenzen. Phasenschiebertransformatoren heißen die Anlagen in der Fachsprache. Sie funktionieren wie Ventile, die den Stromfluss regulieren können.

Im deutschen Grenzgebiet sind laut 50Hertz sechs dieser Transformatoren vorgesehen. Am Standort Röhrsdorf in Sachsen zwei, die voraussichtlich in diesem Herbst in Betrieb gehen werden. Am Standort Vierraden im brandenburgischen Grenzgebiet zu Polen vier Stück, von denen zwei bereits vor Ort sind und Mitte 2018 in Betrieb gehen sollen. Derzeit werde am Umspannwerk Vierraden noch gebaut. Zwei weitere Transformatoren sollen dann voraussichtlich 2020 folgen.

Und wie ist die Lage in Tschechien? Im Umspannwerk in Hradec bei Chomutov (Komotau) ist im Juli der letzte von vier Transformatoren eingetroffen, wie es vom Übertragungsnetzbetreiber CEPS heißt. Der Transport der jeweils 300 Tonnen schweren Kolosse war eine besondere Herausforderung: Der Weg führt vom Hersteller in Italien über den Hafen in Venedig per Schiff nach Hamburg und von dort über die Elbe nach Tschechien. Für das letzte Stück auf der Straße musste wegen des hohen Gewichts eigens eine Behelfsbrücke gebaut werden. Die ersten beiden Transformatoren sind bereits seit Januar im Probebetrieb. Im ersten Jahresquartal nutzte der Betreiber CEPS die neue Möglichkeit der Strombegrenzung an 48 Tagen. Es seien Hunderttausende Euro eingespart worden, die ansonsten zur Stabilisierung des Netzes ausgegeben hätten werden müssen, in dem zum Beispiel Kraftwerke zwangsabgeschaltet werden, heißt es weiter.

Von Hradec führen zwei 400-Kilovolt-Hochspannungsleitungen nach Sachsen, die 1976 im Rahmen des damaligen Ostblock-Netzes "Mir" (Frieden) in Betrieb genommen worden waren. "Die Transformatoren ermöglichen es, den Fluss der elektrischen Energie in den üblichen Grenzen zu halten", teilte CEPS-Vorstandschef Jan Kalina mit.

Tschechien lässt sich die sogenannten Phasenschiebertransformatoren umgerechnet rund 76 Millionen Euro kosten. Allerdings verdient das Land über Gebühren auch am Transitstrom.

Bezogen auf ganz Deutschland werden nicht nur im Osten Phasenschiebertransformatoren an Grenzen zu Nachbarländern eingesetzt, um ungeplante Leistungsflüsse zu reduzieren. Nach Angaben der Bundesnetzagentur betrifft das auch die Grenze zu den Niederlanden.