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Am Ende bleibt nur Schweigen

Rund 1300 Menschen aus Cottbus und der Region reihten sich gestern geduldig in die Warteschlange am „Zug der Erinnerung“ ein.Deportiert und getötet: Die Ausstellung im „Zug der Erinnerung“ dokumentiert das Schicksal von weit mehr als einer Million Kindern und Jugendlichen, die in ganz Europa abtransportiert und später vergast, erhängt und erschossen wurden. In Cottbus hielt der Zug gestern auf Gleis 1 des Hauptbahnhofs.
Rund 1300 Menschen aus Cottbus und der Region reihten sich gestern geduldig in die Warteschlange am „Zug der Erinnerung“ ein.Deportiert und getötet: Die Ausstellung im „Zug der Erinnerung“ dokumentiert das Schicksal von weit mehr als einer Million Kindern und Jugendlichen, die in ganz Europa abtransportiert und später vergast, erhängt und erschossen wurden. In Cottbus hielt der Zug gestern auf Gleis 1 des Hauptbahnhofs. FOTO: Fotos: Martin Kasche
Ein kleiner Strauß Vergissmeinnicht, er ist nach zweistündiger Wartezeit schon etwas welk geworden, doch die Cottbuserin Inge Maust (67) will ihn dennoch irgendwo ablegen im „Zug der Erinnerung“ . „Sonst kann man ja nichts mehr tun für die armen Kinder“ , sagt sie. „Wir dürfen diese furchtbaren Schicksale nur einfach nie vergessen.Mit Video!“ Von andrea hilscher

So wie Inge Maust waren gestern rund 1300 Menschen aus der ganzen Region zum Cottbuser Hauptbahnhof gekommen und hatten sich geduldig in die Schlange der Wartenden eingereiht, die sich schon am frühen Morgen vor dem Erinnerungs-Zug an Gleis 1 gebildet hatte.
„Wir sind selbst überrascht von dieser sehr guten Resonanz“ , sagt Nicole Schneider, pädagogische Zugbegleiterin des Organisations-Komitees. „An einem Sonntag, wenn die großen Besuchergruppen aus den Schulen wegfallen, hätte es durchaus sein können, dass nur wenige Menschen den Weg zu uns finden.“ Bisher hat der „Zug der Erinnerung“ mehr als 40 Stationen angefahren. Weit über 160 000 Besucher haben sich durch die schmalen weinroten Waggons geschoben. Landkarten, Fotos, Postkarten – und Totenscheine dokumentieren das Schicksal von weit mehr als einer Million Kinder und Jugendlicher, die in ganz Europa deportiert und später vergast, erhängt und erschossen wurden. „Ihre Tochter ist an einer Herzschwäche gestorben und im Krematorium eingeäschert worden“ , schreibt da beispielsweise das „Standesamt Auschwitz II.“ Ganz leise fragt ein kleines Mädchen seine Großmutter, ob wohl alle Familien solche Todesnachrichten bekommen hätten. „Nein“ , sagt die Frau trocken, „irgendwann war ja keiner mehr da, an den man noch etwas hätte schicken können. Irgendwann war ja die ganze Familie tot.“
Doch Dialoge wie dieser waren selten in der Enge der Waggons. Heiß, stickig, nur wenige Zentimeter von den Bildern der todgeweihten Kinder entfernt – es blieb den Besuchern am Ende nicht viel mehr, als schweigend auszuhalten, was sie sahen. „Dabei“ , so die Pädagogin Nicole Schneider, „haben wir bewusst auf Gräuelbilder verzichtet. Diese Ausstellung kann jeder sehen, gerade auch Kinder. Sie können sich mit den gleichaltrigen Opfern gut identifizieren – und selbst entscheiden, wie dicht sie diese Schicksale an sich heranlassen.“
Da ist zum Beispiel Ursula W., geboren 1926. Ein blasses Mädchen mit Topfhaarschnitt. Die Schultüte auf dem Foto reicht ihr bis zur Brust. Im Alter von 14 Jahren wurde sie vergast, weil die Nazis sie nach einer Mittelohrvereiterung als „lebensunwert“ einstuften. Rund 70 000 Kinder fielen diesem „Euthanasie-Programm“ , das in der Berliner Tiergartenstraße 4 (daher T-4-Lager) organisiert wurde, zum Opfer – weil Hebammen und Ärzte pflichtbewusst jedes „auffällige“ Kind meldeten.
Ebenso grausam das Schicksal von
Jacqueline Morgenstern, ein pummeliges Mädchen im Prinzessinenkleid. Als sie im KZ Neuengamme starb, muss sie etwa zehn gewesen sein. Ehe sie umgebracht wurde, führten die Nazis mit ihr medizinische Experimente durch. Die Ärzte, die dafür die Verantwortung trugen, wurden oft erst spät oder nie zur Verantwortung gezogen.
Auch das dokumentiert die Ausstellung: In einer Endlosschleife ertönt die Stimme von Walter Stier, einem Spezialisten für Sonderzüge – auch nach Kriegsende. Lächelnd sagt er: „Treblinka war ein Ziel, mehr nicht.“
Umstritten ist der Umgang der Deutschen Bahn AG mit der eigenen Vergangenheit: Für die Benutzung der Gleise und das Abstellen des „Zuges der Erinnerung“ an Bahnhöfen erhebt sie rund 100 000 Euro, erwägt aber inzwischen, das Geld an jüdische Organisationen zu spenden.