Es war ein Samstag im vergangenen November, es war Liebe auf den ersten Blick. Sie kam auf ihn zu, er war völlig aus dem Häuschen. „Die oder keine“ , sagte Paul* zu sich. „Wir waren uns auf Anhieb sympathisch“ , bestätigt Martha*. Und dann hat es gefunkt.
Martha lächelt, Paul streicht ihr zärtlich über den Arm. „Es prickelt“ , sagt er. „Ich habe Schmetterlinge im Bauch“ , erklärt sie. Und ihrer beider Augen funkeln wie bei frisch verliebten Teenagern.
Doch Paul ist 75, Martha 67. Ihre neue Liebe verstecken sie nicht. Ihren Namen in der RUNDSCHAU lesen wollen sie trotzdem nicht. Es wäre ihnen irgendwie unangenehm, erklären sie. Und meinen damit wohl: Frisch verliebte Rentner sind in der Öffentlichkeit noch immer ein Tabu. Die Werbung blendet sie aus. Sich mit über 70 Jahren noch eine neue Liebe zu suchen, das gehe doch nicht. Denn schmusende alte Menschen empfinden selbst die eigenen Kinder zuweilen als peinlich. Und manche sogar als Provokation.
Bei Bernhard* (88) machte die Tochter „Theater“ , als er beschloss, sich eine neue Partnerin zu suchen. Doch nachdem seine Frau nach 59 Ehejahren gestorben war, fiel ihm die Decke auf den Kopf. „Das war wirklich fürchterlich“ , sagt Bernhard. „Ich hatte eine sehr schöne Ehe. Doch das ist vorbei.“

Erst nichts als Ablehnung
Also machte er sich trotz der Einwände auf, ein neues Glück zu finden. Seit einem Schlaganfall ist Bernhard aber gehbehindert, kommt nur noch selten raus aus seiner Spremberger Wohnung. Die eine oder andere sprach er trotzdem an - und erfuhr nur Ablehnung. „Die Frauen heute wollen oft alleine bleiben, sagen, sie müssten sich um ihr Haus oder die Kinder kümmern, wollen lieber ihren eigenen Weg gehen oder sich vielleicht von niemandem mehr gängeln lassen“ , erklärt Bernhard.
Doch dann traf er vor sechs Wochen Gisela*. Die rüstige Rentnerin (75) umsorgt ihn, kocht, macht die Wäsche, duscht ihn ab und an. „In unserem Alter Hemmungen zu haben, das wäre doch blöd“ , sagt Bernhard und schwärmt: „Meine Gisela ist eine patente, äußerst liebevolle häusliche Frau, mit der ich aus meinem Leben etwas machen will.“
Mal in den Arm genommen zu werden, gehört für die beiden ganz selbstverständlich dazu. Große Pläne schmieden sie nicht. „Ich will der Frau aber etwas bieten“ , sagt Bernhard. Einen gemeinsamen Urlaub im Spreewald hat er schon gebucht. Für Bernhard steht fest: „In unserem Alter kommt es vor allem auf gegenseitige Rücksichtnahme und Ver-ständnis an, damit es funktioniert.“
Paul und Bernhard haben es gewagt. Sie haben sich auf jemanden Neues eingelassen. Denn Alter schützt vor Liebe nicht. Und der wird einfach alles wichtig und lieb: eine Schattenmulde in der Wange, das Runzelgeflecht ums Auge, ein verborgener Makel der Haut, eine sichtbarer werdende Ader oder die kahle Stelle im Haar . . .
Steigt Martha aus dem Bus, um Paul zu besuchen, empfängt er sie schon von weitem mit offenen Armen. Ein Begrüßungskuss ist auch immer mit dabei. Denn Paul und Martha führen eine Art Wochenendbeziehung. Zusammenziehen, das will das junge Glück nicht. Die Wintersonntage verbringen sie da doch lieber in seiner Cottbuser Stadtwohnung. Den Sommer wollen sie in ihrem Forster Häuschen erleben. Und abends, während der Woche, da turteln sie am Telefon.
„Wir sind ein Herz und eine Seele“ , erklärt Martha. „Und manchmal sind wir albern wie die Kinder.“ Dann tanzen sie im Wohnzimmer zu alten Schlagern, genießen ihre neue Lust am Leben, gehen aus, freuen sich auf den nächsten gemeinsamen Tag . . .
So viel gelacht wie in den drei Monaten, seit sie sich kennen, hatten beide lange nicht. 50 Jahre war Martha verheiratet, umsorgte ihren Mann - bis zum bitteren Ende. Ein Jahr trauerte Martha um ihre „erste und einzige Liebe“ . Dann ergriff ihre Tochter für sie die Initiative, schaltete eine Partnervermittlung ein, „weil es für mich nichts Schlimmeres gibt, als allein zu sein“ , wie Martha sagt.

Aus Mangel an Gelegenheiten
Dabei ergeht es ihr wie vielen. Es gibt zwar immer mehr „graue Panther“ in der Region. Der Lausitzer Lebensbaum gleicht zunehmend einer Kiefer, dem Baum, der hier zu Lande die karge Landschaft prägt: Wenige Kinder bilden den schlanken Stamm, viele alte Menschen eine große Krone. Im Jahr 2020 wird das Durchschnittsalter der Cottbuser, so die Prognose, schon 47 Jahre und damit sechs Jahre mehr als derzeit betragen. In den Kreisen Oberspreewald-Lausitz, Spree-Neiße und Elbe-Elster haben die Menschen dann im Durchschnitt sogar schon um die 49 Jahre auf dem Buckel. Doch mit dem Alter kommt meist auch der Mangel an Gelegenheiten, Jemanden kennen zu lernen.
„Unzählige alte Menschen leiden darunter, niemanden zu haben, von dem sie ab und zu einmal gestreichelt werden“ , erklärt der Psychologe Ulrich Beer aus Eisenbach im Schwarzwald. „Wenn die Sehnsucht nach Zärtlichkeit nicht mehr erweckt und erwidert wird, vereinsamen wir und unsere Lebenserwartung verringert sich - von Lebensglück gar nicht zu reden.“
Paul hat das hinter sich. Auch bei ihm war „die Sehnsucht nach einer Partnerin immer mehr aufgekeimt“ . Wirklich einsam war er zwar nicht. Jahr um Jahr verging: Mit der Pflege seiner Eltern. Doch irgendwann nach deren Tod bemerkte er: „Ich bin noch nicht so alt, dass es so weitergehen soll. Ich versuche es noch mal.“

Amors Pfeil traf bei der Dritten
Paul inserierte, antwortete auf Annoncen - und musste feststellen: „So einfach ist das in meinem Alter nicht.“ Ein Stamm-Café oder eine Eckkneipe hatte er ja nicht. Also versuchte er es mit einer Partnervermittlung - und musste erst einmal Lehrgeld bezahlen: Außer Spesen war nichts gewesen. Ein Jahr später hatte er bei der Cottbuser „Seniorenagentur“ indes Glück. Beim dritten Treffen traf ihn Amors Pfeil, bei Martha war‘s gar der erste Versuch. „Das Geld“ , bilanzieren beide, „war gut investiert.“ Dabei wissen sie selbst: „Eine Garantie, dass es klappt, gibt es aber nicht.“
Doch Peter* (75) aus dem Elbe-Elster-Land hatte damit ebenfalls Erfolg. Gleich seine allererste Verabredung mit einer Unbekannten, die ihm „Seniorenagentur“ -Chefin Renate Döhring vermittelt hatte, war ein Volltreffer. Nach einem halben Jahr verkaufte Hertha* (69) ihre Möbel, zog bei ihm ein. Die Gartenarbeit, der Haushalt fällt nun beiden leichter. „Wir wollen jetzt gemeinsam bis ans Lebensende gehen“ , haben sie sich geschworen.
Wie sang Drafi Deutscher noch: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ . Für Klaus* (72) aus einer Kleinstadt im Elbe-Elster-Kreis ist das erst jetzt wahr geworden. Er hatte zwar nach dem Tod seiner Frau vor sechs Jahren schnell wieder eine neue Partnerin. „Doch da fehlte das Vertrauen, die Offenheit und Ehrlichkeit“ , erzählt er. „Nach vier Jahren ging das absolut nicht mehr.“
Auf die Liebe wollte und konnte Klaus aber nicht verzichten. Also ging er mit 71 nochmals auf die Suche - und fand seine Gerda* (68). „Das hat sofort Klick gemacht“ , schwärmt er. „Ich hätte sie am liebsten gleich am ersten Tag in den Arm genommen.“
Doch da war die Höflichkeit vor: Auf lange Spaziergänge folgten zunächst lange Telefonate. „Bis sich das immer mehr gefestigt hat“ , sagt Klaus. Und Gerda fügt hinzu: „Dass man im Alter nochmals so glücklich sein könnte, hätten wir beide nicht geglaubt.“