. Vor drei Wochen ist Rochus Graf zu Lynar mit seiner Familie nach Lübbenau gezogen. Die beiden Kinder des 39-Jährigen gehen hier in einen Kindergarten und werden später auch in Lübbenau die Schule besuchen. Seit 2001 ist der Chef des Schloss-Hotels von Berlin aus zur Arbeit gependelt. Der Umzug zeigt, dass er es ernst meint, wenn er sagt: „Das Eis ist getaut.“

Das Schlossareal am Lübbenauer Hafen kommt auf den ersten Blick als unproblematische Aufschwung-Ost-Geschichte daher. Das Schloss ist ein Vier-Sterne-Hotel, auch Marstall, Orangerie und Park sind denkmalgerecht saniert. Zehn Millionen Euro Investition stecken dahinter.

Das Hotel gibt 40 Spreewäldern Arbeit. Dazu kommen 30 Saison-Jobs im Sommer. Vor sechs Jahren schrieb der Betrieb die erste schwarze Null. „In diesem Jahr sind wir sehr gut ausgelastet“, sagt Rochus zu Lynar.

Sein älterer Bruder Frederico lebt mit Frau und Kindern in Dubrau und betreibt auf Familiengrund erfolgreich Ökolandwirtschaft. Für die CDU sitzt er im Stadtrat von Vetschau.

Der Empfang der Familie vor 20 Jahren im Spreewald ließ indes nicht auf eine solche Zukunft schließen. Die Skepsis, die nach dem Ende der DDR den „Wessis“ entgegengebracht wurde, habe sich in Lübbenau noch durch die Antipathie gegen den Adel verstärkt, erinnert sich Rochus zu Lynar an den schwierigen Anfang seiner Eltern Guido und Beatrix in der Spreewaldstadt. „Eiskalte Ablehnung“ habe es damals gegeben, sogar nächtliche Drohanrufe. „Wenn etwas schiefging, waren die Lynars schuld“, sagt Sohn Rochus, „wir durften nicht die Guten sein.“

Daran änderte auch die antifaschistische Vergangenheit der Lynars nichts. Die Familie bekam nach dem Ende der DDR ihr Eigentum zurück, weil nicht die russische Besatzungsmacht sie enteignet hatte, sondern schon 1944 das Naziregime. Wilhelm Graf zu Lynar war an der Vorbereitung des gescheiterten Hitlerattentates durch Stauffenberg beteiligt gewesen und wurde hingerichtet. Rochus ist sein Enkel.

Zum Familieneigentum gehörten nicht nur Schloss und Park, sondern auch 7000 Hektar Land. „Da war auch Gartenland betroffen und Gelände vom Fährhafen, das hat die Leute hier verunsichert“, erinnert sich Wolfgang Seeliger. Der heute 76-Jährige saß Anfang der 90er-Jahre als Bürgermeister im Lübbenauer Rathaus. Die Geschichte der Lynars? „Da wussten die meisten Lübbenauer nichts von.“

Als die Lynars auf das heruntergewirtschaftete Schlossareal zurückkehrten, gaben sie ein Leben im sonnigen Portugal auf. Für Rochus und seine Geschwister, die in Portugal aufgewachsen waren, war Lübbenau Geschichte, völlig weg von jeder Realität. „Damals gab es hier nur Probleme, nichts Schönes“, erinnert sich der Hotelchef.

Und die Entscheidung der Eltern, in ihre alte Heimat zurückzukehren und das Familienerbe im Spreewald anzutreten, habe für ihn und seine Geschwister eine harte Konsequenz gehabt: „Wir haben dadurch unsere Heimat verloren, Portugal.“

Die Rückgabe des Lübbenauer Besitzes sei für die Familie alles andere als ein „gemachtes Nest und finanzieller Segen“ gewesen.

Jeder Bauabschnitt musste mit Krediten finanziert werden. Eigenes Geld kam aus den Einnahmen der Land- und Forstwirtschaft und aus Landverkäufen. Fördermittel seien erst bei der Instandsetzung des Marstalls vor wenigen Jahren in größerem Umfang geflossen.

Wie schwierig das Verhältnis einiger Lübbenauer zu den Lynars noch nach vielen Jahren war, wurde im Sommer 2004 deutlich. Die Schützengilde hatte damals vorgeschlagen, eine Straße in der Altstadt nach dem hingerichteten Wilhelm zu Lynar zu benennen. Wilder Protest der Lübbenauer flammte auf. 1800 Unterschriften gegen die Umbenennung brachten das Vorhaben zu Fall.

Rochus zu Lynar bewundert im Rückblick das Durchhaltevermögen seiner Eltern: „Heute wissen wir, dass es richtig war, nicht aufzugeben.“ Für ihn, der nie dauerhaft aus Portugal weg wollte, ist Lübbenau jetzt „der zweitbeste Weg, den ich gehe.“ Das Anwesen zu verkaufen, diese Frage habe sich nie gestellt: „Den Namen, die Geschichte und die Mühe der vergangenen 20 Jahre, so etwas verkauft man nicht.“

Adel, sagt er, sei weniger ein Titel, sondern eine Haltung. „Besitz ist die Verpflichtung, nicht nur sich selbst, sondern auch die Umgebung reich zu machen.“

In diesem Punkte stellt der ehemalige Lübbenauer Bürgermeister Wolfgang Seeliger, der ihre schwierige Ankunft erlebte, den Lynars ein gutes Zeugnis aus: „Die machen viel für die Stadt, und in der gräflichen Familie kehrt niemand etwas heraus.“ Ihr Anwesen sei wieder so instand gesetzt worden, dass es ein Gewinn für Lübbenau sei. Für Seeliger keine Selbstverständlichkeit: „Ein anderer Investor hätte das vermutlich nicht so gemacht.“