Mit Helm und aufgesteckter Grubenlampe, schwerer Batterie am Gürtel, eingezwängt in einen weißen Schutzanzug und Gummistiefeln in den engen Förderkorb zu klettern, verlangt einiges Geschick. Dann gibt es einen Ruck. Der Korb schwingt leicht in die Höhe, verharrt einen Moment in der Schwebe, um Sekunden später langsam in die Tiefe zu gleiten. Mit jedem Meter, den es hinunter in den alten, vier bis sechs Meter breiten Schacht 302 in Marienberg im Erzgebirge geht, wird es kühler. Und mit jedem Meter in Richtung Berginneres wird es auch feuchter: Erst rieselt es nur leicht aus Spalten, Löchern und Rissen im Granitgestein. Nach knapp zwei Minuten ist die Fahrt zu Ende. Am Boden des Schachtes, in 107 m Tiefe, nieselt es dann schon richtig und andauernd. Man ahnt schon, was es heißt, Bergmann zu sein.

Neue Aufgaben
Über rund 800 Jahre haben die Bergleute im Erzgebirge aus der Erde zuerst Silber, später Zinn, Kupfer, Kobalt, Wolfram oder Flussspat geholt. Der richtige Boom - „das große Bergkgeschrey“ - setzte erst zum Ende des 15. Jahrhunderts ein und lockte Glücksritter zu Tausenden in das Mittelgebirge entlang der Grenze zu Böhmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mehr als vier Jahrzehnte lang unter sowjetischem Kommando ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt Uranerz für Moskaus Atomwaffenarsenal geschürft.
Wie im Schacht 302 haben die Bergleute im Erzgebirge heute andere Aufgaben als die Generationen vor ihnen: die großflächig radioaktiv und chemisch-toxisch kontaminierte Hinterlassenschaft zu sanieren und wieder nutzbar zu machen. Zum anderen sind Gefahrenherde zu beseitigen, die noch vom Altbergbau herrühren oder durch das Hochwasser in Sachsen vom August 2002 verursacht wurden.
Schacht 302 ist einer der leichteren Fälle. „Im Marienberger Revier wurde nur bis 1954 Uran gefördert. Alles in allem rund 121 Tonnen. Es war eine eher bescheidene Lagerstätte“ , erzählt Günter Meyer vom Bundesunternehmen Wismut GmbH, das Regie bei der Sanierung führt. Die alten Anlagen, nicht weit entfernt von einem Erlebnisbad, waren mit Grün zugewuchert, nur ungenügend mit einem Zaun versehen, für jedermann zugänglich - eine Gefahrenquelle. Auf der Suche nach Mineralien oder einem Kick seilten sich zahlreiche Abenteurer auf eigene Faust in den Schacht ab. „Passiert ist glücklicherweise dabei nichts.“ In 107 Metern Tiefe weitet sich der Schacht zu einer Halle, dem Füllort. Unablässig lärmen Pumpen. Sie saugen aus dem Grubenfeld in der Stunde 380 Kubikmeter Wasser ab, das hier sonst 1,20 Meter hoch stünde. Stellenweise war der Schacht „verbrochen“ , wie es in der Bergmannssprache heißt.

Wärme nutzen
Seit Herbst 2005 wurden bei der „Aufwältigung“ des Schachtes 770 Tonnen Bruchgestein und 85 Tonnen Holz entfernt. Noch in diesem Sommer beginnt ein geothermisches Pilotprojekt der Stadtwerke Marienberg zur Nutzung des Grubenwassers für Heizzwecke, das eine Temperatur von 12 Grad Celsius hat. Dafür werden Wärmetauscher installiert. „Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Schacht wird saniert, und Marienberg kann die Wärme nutzen“ , sagt Bergbaufachmann Bernd Sablotny vom Dresdener Wirtschaftsministerium.