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| 01:34 Uhr

Als verkleideter Eisenbahner ganz dicht bei Gagarin

Cottbus. Der Termin war geheim: Wo Valentina Tereschkowa und Juri Gagarin an diesem 17. Oktober 1963 in der DDR landen würden, um am zeitigen Abend von Hundertausenden Berlinern bejubelt zu werden, wurde wie ein Staatsgeheimnis gehütet.

Nach Gagarins erster Erdumrundung im April 1961 und dem Flug von Tereschkowa als erster Frau im Weltall im Juni 1963 besuchte das Kosmonauten-Duo damals die DDR.

"Mach was draus"

In Cottbus gab es dennoch "eine undichte Stelle". RUNDSCHAU-Foto-Reporter Erich Schutt hatte von einem Bekannten der Reichbahndirektion in der Schillerstraße den Tipp bekommen, dass die Kosmonauten im sowjetischen Fliegerhorst in Brand (heute Dahme-Spreewald) erstmals den Boden der DDR betreten sollten. Die Cottbuser Eisenbahner waren für den Sondertriebwagen zuständig, der beide zum Empfang am Berliner Ostbahnhof bringen sollte. "In Brand wollte ich unbedingt fotografieren", erinnert sich der heute 79 Jährige Bildjournalist. "Gagarin und Tereschkowa, das waren doch Helden."

Dass Schutt seine Fototasche mit der Praktika und den Objektiven geschnappt hatte, um sich in Brand auf die Lauer zulegen, davon wusste nur die Chefredaktion. Als der Triebwagen vor den Toren des Militärflugplatzes hielt, kam Erich Schutt - selbst Kind einer Vetschauer Eisenbahner-Familie - mit einem guten Bekannten von der Reichsbahn ins Gespräch. "Mensch, wie komme ich denn hier nur rein", fragte Erich. "Ganz einfach", sagte der. "Hier hast Du meine Jacke und meine Mütze. Mach was draus."

Das ließ der Vollblut.Bildreporter sich nicht zweimal sagen. Im Sondertriebwagen trat er ganz dicht ans Fenster ("Damit niemand meine grüne Cordhose sehen konnte."), die Hand zum Eisenbahnergruß an der Mütze und fuhr mit bis an die Landebahn. "Es dauerte keine fünf Minuten, da landete die Maschine", weiß Schutt. "An der Gangway klickten dann unzählige Fotoapparate von Soldaten und Offizieren. Da fiel ich gar nicht auf." Erich Schutt hatte sein Bild für die aktuelle RUNDSCHAU-Ausgabe "im Kasten", aber einen Gruß für die Leser in der Lausitz wollte er noch dazu.

Widmung für Leser

Als der Triebwagen mit dem Kosmonauten-Tross vom Flugplatz-Anschlussgleis auf die Strecke nach Berlin bog und anhalten musste, fasste sich Erich Schutt wieder ein Herz. "Ich bin noch einmal eingestiegen." Den Sicherheitsleuten hatte er in Russisch mitgeteilt: "Ich Korrespondent, Lausitzer Rundschau, Cottbus." Daraufhin ließen sie den verkappten Eisenbahner bis ins Abteil der Kosmonauten vor. "Sie haben mir einen Gruß an die Leser aufgeschrieben, der mit dem Foto aus Brand am 18. Oktober 1963 auf Seite 1 veröffentlicht wurde." Den Kollegen in Cottbus standen vor Freude die Tränen in den Augen. Der stellvertretende Chefredakteur Werner Mielisch nahm seinen Fotoreporter in die Arme, drückte ihn fest, und sagte: "Klasse, Erich. Aber nun schnell ins Labor. Wir brauchen die Fotos." Christian Taubert