"Ich muss das
alles fotografieren, zu Hause glaubt mir das kein Mensch."
 Alex Jones, Rucksacktourist


Ungläubig blickt der 27-Jährige sich um: An diesem heißen Vormittag nämlich steht er keinesfalls auf einer Straße in seiner Heimat London, sondern mitten in der indischen Millionenstadt Madras. Alex macht heute als Statist bei einem indischen Film mit - und der soll in London spielen. Am Abend vorher hat ihn der Besitzer des Hostels, in dem er übernachtet, gefragt, ob er seine Reisekasse mit ein paar Rupien aufbessern wolle. Denn die boomende Filmindustrie in Madras sucht händeringend nach hellhäutigen Statisten.
"Für die Produktionsfirmen ist es oft viel zu teuer, zum Drehen an die Originalplätze nach Europa zu fahren", sagt Bollywood-Fan Regan Braganza. Wie viele seiner Altersgenossen schwärmt auch der 25 Jahre alte Informatik-Student aus dem südindischen Mangalore für die Glitterwelt des Kinos auf dem Subkontinent. Und er weiß fast alles über seine Film-Helden. "Statt die ganze Crew nach Europa zu bringen, lassen die Regisseure die Kulissen nachbauen. Das ist billiger und geht schneller."
Mehr als fünfzig Rucksack-Touristen sind schon am Morgen auf das Filmgelände in Madras gekommen. Die meisten trauen ihren Augen nicht. "Die Kulisse ist unglaublich. Ich muss das alles fotografieren, zu Hause glaubt mir das kein Mensch", sagt Alex. Auch die zwei jungen Britinnen neben ihm können kaum die Finger vom Auslöser lassen.
Die Pappwände sehen täuschend echt aus. Hohe Backsteinhäuser, rote Telefonzellen und ein riesiges Kaufhaus im Stil von "Harrods" - wen stört es da schon, dass das U-Bahn-Schild "Brighton Station" zwar richtig in blau und rot bemalt ist, die Haltestelle im "echten" London aber gar nicht existiert.
Nur eine halbe Stunde zuvor sah Alex ohne seine Polizeiuniform noch so gar nicht wie ein englischer Bobby aus: Seine abgewetzte Hose, das verwaschene T-Shirt und ein Dreitagebart gaben Zeugnis von seiner mehrwöchigen Rucksack-Tour durch Indien. Nach einer Rasur und dem Kostümwechsel geht er jetzt ohne Probleme als Ordnungshüter durch.
Doch so detailverliebt die Requisiten- und Kulissenbauer in ihren Werkstätten auch arbeiten mögen, einige Elemente für die optische Täuschung können sie nicht ersetzen. Hellhäutige Menschenmassen gehören dazu. Deshalb werden vor allem junge Rucksack-Touristen in Madras und Bombay immer wieder auf der Straße oder auch in ihren Hostels angesprochen und gefragt, ob sie Bollywood einmal hautnah erleben und gleichzeitig ihre Reisekasse aufbessern wollen. Rund zehn Euro bekommen die Statisten für einen Tag am Set des London-Streifens. Davon lassen sich in Indien schon zwei Nächte in einem billigen Hotel finanzieren.
"Ich habe sofort Ja gesagt", berichtet Christine Demmer aus der Nähe von Köln. Die 25-Jährige hat gerade in Deutschland ihr Lehramtsstudium beendet und hat sich vor dem Einstieg ins Berufsleben eine dreimonatige Auszeit genommen. Zusammen mit einer Freundin reist sie durch Indien. "Wir machen hier nicht nur wegen des Geldes mit. Das ist doch einfach eine einmalige Erfahrung, total aufregend."
Die vermeintliche Londoner Menschenmasse unter indischem Himmel lässt sich in zwei Statistentypen einteilen: Zum einen gibt es die jungen Rucksack-Reisenden wie Christine, die am Morgen mit einem Kleinbus von ihren Hostels rund um Madras zum Drehort gefahren wurden und am Abend wieder abgeholt werden. Doch es sind auch "Profis" mit am Set. "Ich bin vor vier Monaten aus Duisburg nach Indien gekommen", erklärt Bastian Schröder. Der 35-Jährige ist mit zwei Engländern unterwegs und lebt eigentlich im Tausende Kilometer entfernten Bombay.
"Wir hören uns um, wo Statisten gebraucht werden und fahren dann dort hin. Damit verdienen wir hier unser Geld zum Leben. Die Leute kennen uns meistens schon und rufen uns an, wenn sie jemanden brauchen. Vor allem in Bombay gibt es immer viel Arbeit." Nach Madras ist das Trio mit dem Zug gekommen - zwei Tage waren die Drei unterwegs. Übernachtet wird im Mehrbettzimmer in der Stadt. "Das Gute an dem Job ist, dass es auch immer was zum Essen gibt."
Drei junge Frauen sind aus Turkmenistan nach Madras gezogen, um hier Informatik zu studieren. "Das machen viele unserer Freunde, denn hier gibt es die besseren Unis", sagt eine von ihnen. Von ihren indischen Kommilitoninnen unterscheiden die drei sich nicht nur durch ihre helle Hautfarbe, sondern auch durch ihre Kleider. Sie tragen kurze Hosen und enge Tops - außerhalb des Filmgeländes ein provokantes Outfit. Doch auch für die jungen Inderinnen ist der Drehort offenbar eine Welt weit weg vom Alltag. Denn für ihre Statisten-Rollen haben viele ihre traditionellen Saris oder die langen Blusen zu Hause gelassen und sind in Jeans und T-Shirt ans Set gekommen. Ob ihre Familien wissen, dass sie solche für Indien durchaus noch immer freizügigen Sachen im Kleiderschrank haben, wollen sie lieber nicht verraten.
Plötzlich kommt die Menge in Bewegung, einige Mädchen schreien laut auf. Europäer, Amerikaner und Aus tra lier sehen sich verwirrt um. Ihre indischen Altersgenossen sind total aus dem Häuschen, denn gerade ist ein echter Bollywood-Star eingetroffen. Um sich vor der Hitze zu schützen, hält ihm ein Assistent einen Schirm über den Kopf.
Weil die hellhäutigen Statisten die Sonne kaum aushalten können, wird ein bunter Baldachin aufgestellt. Unter den dürfen sich die Inder allerdings nicht setzen. Sie müssen mit den wenigen Bäumen vorlieb nehmen. Am Buffett unter freiem Himmel später treffen sich alle wieder. Kein Wunder, das mancher Tourist vor allem wegen des Essens hier ist: Drei warme Mahlzeiten werden zwischen sieben Uhr morgens und sechs Uhr abends serviert. Dazwischen gibt es indische Süßigkeiten, Wasser und für die Ausländer auch Cola.
Beim Essen teilt sich die Masse der Touristen in weitere Gruppen auf. "Wer so wie die Inder nur mit einer Hand isst, der ist meistens schon länger hier, denn das muss man erst mal üben", sagt Christine. "Ich glaube, viele der Älteren hier sind richtige Alt-Hippies, die schon seit zwanzig Jahren oder länger in Indien leben." Jedenfalls habe sie seit Tagen nicht mehr so viele hellhäutige Menschen auf einem Fleck gesehen, erklärt sie. "Das ist schon komisch, man kommt sich so anders vor, weil man weiß ist, obwohl man doch gar nichts dafür kann."