Margit Siebner ist es wichtig, von dieser Zeit zu erzählen. "Man kann die eigene Vergangenheit besser verarbeiten und Probleme zwischen den Generationen lösen", sagt die Zeitzeugin.
Seit zehn Jahren gehört die 74-Jährige der Berliner Zeitzeugenbörse an. Mit ihrer Lebensgeschichte geht sie in Schulen und Universitäten. Dort hört sie immer wieder, dass viele Menschen ihrer Generation die Vergangenheit totschweigen. "Viele haben Schuldgefühle oder Angst, dass alte Wunden aufbrechen", erklärt Margit Siebner. Dabei weiß die noch berufstätige Psychologin aus ihrer eigenen Praxis, wie befreiend und erleichternd der offene Dialog sein kann.

Gespräche gegen Albträume
Traumatische Erlebnisse könnten sich auf die nächste Generation übertragen, unterstreicht die Expertin und berichtet von einem Fall, als ein Sohn aufgrund einer vagen Äußerung seines Vaters regelmäßig vom Krieg träumte. "Nachdem sich beide ausgesprochen hatten, hörten die Albträume auf", erinnert sich Siebner. In solchen Fällen sollte eine Aussprache allerdings von einer Therapie mit einer neutralen Person begleitet werden, rät die Psychologin.
Der jüngeren Generation empfiehlt sie, das Handeln der Älteren nicht zu kritisieren oder zu verurteilen. "Man weiß nie, wie man sich selbst in extremen Situationen verhalten hätte", unterstreicht Siebner. "Mein Leben wäre beispielsweise als Tochter eines SS-Offiziers ganz anders verlaufen."
Den Umgang mit Zeitzeugen lernen Jugendliche zum Beispiel in dem Projekt "Erlebte Geschichte - Lebendig gestalten" der Globalen Medienwerkstatt in Berlin. In Workshops befragen interessierte junge Leute Zeitzeugen zum Nationalsozialismus. In den kommenden Jahren wollen sie ein Archiv mit Audio- und Videobeiträgen erstellen. "Das Projekt richtet sich an 15- bis 19-Jährige, denn die Jugendlichen interessieren sich besonders für die Kombination aus Medien- und Zeitzeugenarbeit", erläutert die Initiatorin Birgit Marzinka.
Wenn das medienpädagogische Vorhaben gut anläuft, will die Journalistin das von der Civitas finanzierte Projekt auch auf andere Bundesländer ausweiten. Junge Leute würden unbefangener auf die Interviewpartner zugehen, erklärt Marzinka: "Sie können auch mal dumme Fragen stellen." In den Workshops würden die Teilnehmer ein Gefühl dafür entwickeln, wie persönlich das Gespräch werden darf und wann man lieber nicht nachhakt. "Außerdem lernen sie, sich gut vorzubereiten, um sich mit den Zeitzeugen auseinandersetzen zu können", sagt Marzinka.

Zeitlicher Abstand nötig
Neben dem lebendigen Geschichtsunterricht ist für Ilse Kleberger die politische Aufklärung der wichtigste Aspekt der Zeitzeugenarbeit. "Ich fordere meine Zuhörer immer auf, sich um Politik zu kümmern", erzählt die 85-jährige Zeitzeugin und Autorin. "Ich selbst habe das nämlich nicht getan und sehe heute, wie schlimm und falsch das war."
Für das Erzählen brauche man allerdings meist einen zeitlichen Abstand, egal ob als Opfer oder Täter. Sie berichtet, dass sie als junge Frau von russischen Soldaten vergewaltigt wurde und darüber lange nicht sprechen konnte.
"Heute denke ich darüber anders: Junge Leute sollten das erfahren", sagt Ilse Kleberger bestimmt.
Wer nicht vor Publikum sprechen oder seine Memoiren aufschreiben wolle, könne seine Lebenserinnerungen auch aufnehmen, schlägt die Zeitzeugin vor. "Mein Mann und ich haben unsere Leben im Zwiegespräch auf Tonbändern festgehalten", erzählt die pensionierte Ärztin. Allerdings sollte man sich dafür Zeit lassen und sich in ruhigen Stunden zusammensetzen.
Margit Siebner fordert die junge Generation auf, ältere Menschen in Gespräche zu verwickeln und sich besonders über die Zeit von 1939 und 1945 zu informieren, um daraus zu lernen: "Fragt uns, wir sind die Letzten!", lautet ihr Appell.