Nach dem nächtlichen Wahldrama trat Zipi Liwni gestern im Morgengrauen sichtlich bewegt vor die Kameras. „Die Entscheidung ist gefallen“, sagte die Außenministerin. „Kadima hat bewiesen, dass es eine andere Politik gibt.“ Liwni, die im Wahlkampf als „Sauberfrau“ mit weißer Weste aufgetreten war, übernimmt nun das Amt des unter Korruptionsverdacht stehenden Regierungschefs Ehud Olmert als Parteivorsitzende. Doch der harte Kampf um das Amt des Ministerpräsidenten, das sie nach eigenen Angaben mit „großer Ehrfurcht“ sieht, steht der Juristin noch bevor. Nicht zuletzt wegen ihres knappen Vorsprungs vor ihrem Rivalen Schaul Mofas könnten die Bemühungen um die rasche Bildung einer Regierungskoalition zu einem politischen Kraftakt werden. Netanjahu fordert NeuwahlenDie oppositionelle Likud-Partei von Ex-Ministerpräsident Benjamin „Bibi“ Netanjahu forderte gestern umgehend parlamentarische Neuwahlen, weil Liwni das Amt der Regierungschefin nicht auf einen Vorsprung von 431 Stimmen bei einer partei-internen Wahl gründen könne. Die Arbeitspartei, mit 19 Mandaten wichtigster und unverzichtbarer Koalitionspartner von Kadima, hat noch keine klare Botschaft formuliert, ob sie eine Regierung unter Liwni oder Neuwahlen will. Auch die strengreligiöse Schas-Partei ziert sich noch. Sie fordert als Bedingung für einen Verbleib in der Regierungskoalition eine Erhöhung des Kindergelds, die kinderreichen ultra-orthodoxen Familien zugute kommen soll. Liwni verweigert dies und will auch nicht nachgeben. Unnachgiebig ist Schas auch in der Frage Jerusalem, für religiöse Juden der heiligste Ort. „Wenn Jerusalem auf dem Verhandlungstisch kommt, sind wir raus“, erklärte der Schas-Vorsitzende Eli Jischai. Für Erleichterung und Freude sorgte Liwnis Sieg bei der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Frauen-Lobby. Man erwarte nun eine Fortsetzung der Friedensgespräche, sagte gestern ein Berater von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Für Liwni hat eine Lösung des Konflikts mit den Palästinensern auch Vorrang vor einer friedlichen Einigung mit dem Nachbarland Syrien. Der Sieg Liwnis gegen Transportminister Mofas, der im Wahlkampf angesichts seiner langen militärischen Karriere auf die Karte „Sicherheit“ gesetzt hatte, wird in Israel auch als Sieg der Zivilgesellschaft über den starken Einfluss des Militärs in der Politik bewertet. Kommentatoren sehen auch weitere Sprünge in der „Glasdecke“, die Frauen den Aufstieg nach ganz oben erschwert, und vergleichen sie mit internationalen Spitzenpolitikerinnen wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Nicht jeden Tag sieht man eine Frau, die drei Männer besiegt“, schrieb ein Kommentator der Zeitung „Jediot Achronot“ anerkennend. Diplomatie statt MilitärschlagUnterstützung wird Liwni weiter brauchen, falls es ihr gelingt, Ministerpräsidentin Israels zu werden. Denn die Herausforderungen sind groß: Neben der internationalen Finanzkrise bedroht der Atomstreit mit Iran die Stabilität in Israel. In dieser Frage hat sie sich für eine diplomatische Lösung ausgesprochen, während ihr Rivale Mofas dem Iran offen mit einem Militärschlag drohte. Sollte die Regierungsbildung allerdings misslingen oder eine neue Koalition von kurzer Dauer sein, wird es wohl im Frühjahr auf ein Duell mit Likud-Chef Netanjahu hinauslaufen und dann heißen: „Zipi gegen Bibi“.