Nur sein buschiger, weißer Vollbart schaut hervor. "Hört ihr Leut' und lasst euch sagen, unsre Glock' hat neun geschlagen. Haltet die Türen dicht", dröhnt seine Stimme über den Platz. Um seine Laterne herum haben sich knapp vierzig Menschen gedrängt. Sie wollen Heinz Peschak, den dienstältesten Nachtwächter der Stadt, auf seinem Rundgang durch das Leipzig des 18. Jahrhunderts begleiten. Seit sechs Jahren taucht der 68-Jährige mit Touristen in das Leben von Goethe und seinen Zeitgenossen ein. Er war der Erste, der mit schwerem Lodenmantel um die Schultern und der Mundharmonika als Markenzeichen von Verhaftungen zu später Stunde, Liebschaften und Trinkgelagen berichtete. "Meine Frau hat sich anfangs vor Lachen gekringelt, als ich meinen Text in gepflegtem Sächsisch einstudiert habe", erzählt er. Egal ob Peschak Klatsch und Tratsch erzählt oder geschichtliche Fakten erläutert - immer erzählt er mit Begeisterung über die Bürgerhäuser und ihre Bewohner in seiner Heimatstadt. "Ich versuche, den alten Glanz, den Leipzig einmal hatte, den Gästen zu vermitteln", erzählt er. Nur zufällig kam Peschak zu seiner Rolle als Gästeführer. Bis 1996 war er als Werbeleiter, Dekorateur und Gestalter tätig. Dann kam die Arbeitslosigkeit. "Ich habe schon immer gerne vorgetragen, Gedichte geschrieben", sagt Peschak. Bei einer Schulung vom Arbeitsamt wurde er dann auf den Gästeführer-Lehrgang hingewiesen: "Herr Peschak, Sie brauchen Publikum", habe man ihm geraten. 2001 machte er sich als Führer und Alleinunterhalter selbstständig. Heute arbeitet er für eine Leipziger Gesellschaft für Gästebetreuung. Doch so gern Peschak in die Rolle des Nachtwächters schlüpft, den Beruf hätte er einst nicht gewählt. "Nachtwächter waren meist Leute, die geistig minderbemittelt waren", weiß er. Das historische Kostüm möchte er dennoch nicht so schnell an den Nagel hängen. ddp/wor