Wenn sich Annamarie Pfefferkorn heute an den 24. Mai 1979 erinnert, glaubt man, sie übertreibt maßlos. Die damals 36-Jährige aus der Gemeinde Schönborn zwischen Bad Liebenwerda und Doberlug-Kirchhain schaut sich am späten Nachmittag im Fernsehen die Friedensfahrt an. "17.25 Uhr stand auf meiner Stubenuhr, die plötzlich stehen blieb", so Annamarie Pfefferkorn.

"Draußen wurde es auf einen Schlag immer dunkler. Ich hörte ein Rauschen, Dröhnen, wie starkes Gebrause. Da habe ich Richtung Wald geguckt und bin erstarrt", sagt die heutige Rentnerin. Über den angrenzenden Bäumen rotiert ein riesiger, dunkler Tornado-Rüssel. "Das sah aus wie ein Atompilz", erinnert sich Annamarie Pfefferkorn. Erst denkt sie, dort würde etwas verbrannt. Ein Trugschluss. Entwurzelte Kiefern kommen aus dem Wald direkt auf den Ort zugeflogen. "Als ob Tausende Vögel unterwegs waren."

Ein Bild der Verwüstung

Der Sturm erreicht in Sekundenschnelle den Straßenzug der Siedlung Eichwald in Schönborn. "Mein Mann hat draußen gearbeitet, wurde von dem Wirbel erfasst und mitsamt Hoftor durch die Luft und anschließend zu Boden geschleudert." Bis auf kleinere Blessuren bleibt er unverletzt.

Der Spuk dauert nur wenige Minuten, hinterlässt aber ein Bild der Verwüstung. Annamarie Pfefferkorn traut sich irgendwann aus ihrem Haus. Die gesamte Siedlung ist betroffen. Häuserwände sind zerstört, der Dachstuhl ist aus der Verankerung gerissen. "Der Schornstein guckte bei uns durch die Decke, und im Schlafzimmer stand nur noch der Schrank." Und dennoch meint die heute 71-Jährige: "Wir hatten verdammtes Glück. Die Schulbusse waren durch den Ort bereits durch, ebenso die Züge am benachbarten Bahnhof. Sonst wäre mehr passiert."

Entstanden ist der Horror-Tornado bei Bad Liebenwerda. Er wütet zunächst in Prestewitz und Schönborn und zieht dann weiter nach Werenzhain. Dort bestätigen Augenzeugen, dass er Teile der Ziegelei mitgerissen habe, bevor er sich im Raum Lübben allmählich auflöst.

"Der Sturm zog abgeschwächt westlich an Lübben vorbei", sagt Frank Selbitz, Betreiber der Wetterstation Lübben-Blumenfelde des Deutschen Wetterdienstes. Nahe Rickshausen zerstört er ein Forsthaus. "Außerdem sind im Pflanzenbewuchs heute noch einige Stellen erkennbar, wo der Sturm durchgezogen ist. Man sieht dort den deutlich jüngeren Baumbestand", sagt der Wetterexperte.

Auch Hans-Richard Groschke erinnert sich an den Sturm am Himmelfahrtstag des Jahres 1979. "Wir haben Männertag gefeiert und im Garten gerade ein großes Steilwandzelt aufgebaut. Wie aus dem Nichts kam aus Richtung Luckau eine gespenstische, brausende Front herangezogen. Als ob ein Zug anrollt", so der Lübbener. Den Sturm beschreibt er als sehr heftig. "Wir haben mit vier Leuten das Zelt halten müssen. Und das, obwohl er auf seinem Weg schon viel an Kraft verloren hat."

Wahre Erinnerungen

Doch sind solche gewaltigen Kräfte wie in Schönborn wirklich möglich? Oder geht die Fantasie bei den Zeitzeugen durch? "Die Erfahrungsberichte stimmen", erklärt Thomas Sävert von der Berliner Unwetterzentrale MeteoGroup. Sävert ist seit Jahren Tornadoforscher und hat die Geschwindigkeit des Sturms berechnen können.

In der damaligen LPG Prestewitz hätten fünf Mähdrescher in einer Halle gestanden. Drei davon seien vom Tornado erfasst worden. "Einer flog etwa 100 Meter hinter einen Hügel, die zwei anderen wurden noch etwa 200 Meter weiter geschleudert. Das belegen Fotos", sagt Sävert.

Anhand eines der gelandeten Mähdrescher, seiner Größe und des Gewichts und der Entfernung zwischen Halle und Hügel kann Sävert Aufstiegswinkel, Flugbahn und Geschwindigkeit ableiten. Das Ergebnis ist beeindruckend: Der Tornado hatte eine Geschwindigkeit von rund 350 Kilometern pro Stunde. Stufe 4 von 5 in der internationalen Tornado-Skala. "Damit war er einer der stärksten Stürme in Deutschland", so der Meteorologe.

Der Tornado tobt mehr als 55 Kilometer auf einer 400 Meter breiten Schneise über das Land. Laut Sävert eine außergewöhnlich lange Zugbahn. Extrem seien auch die Verfrachtungen von größeren Gegenständen. Eingestürzte Giebel, fliegende Stahlträger und leer gesogene Teiche zeugen von der gewaltigen Kraft.

Todesopfer gibt es keine, die damalige Presse berichtet von drei leicht verletzten Personen in der Region (siehe RUNDSCHAU-Archiv). "Bei meinen Recherchen bin ich auf sechs Verletzte gestoßen", sagt Sävert. Eine genaue Schadenshöhe sei ihm nicht bekannt. Damalige Medien und die DDR-Staatsführung halten sich mit konkreten Angaben zurück.

Aus meteorologischer Sicht seien die Voraussetzungen für die Entstehung eines solchen Tornados an dem Tag bestens gewesen. "Feuchte, warme Luft am Boden, große Temperaturunterschiede von etwa 40 Grad zwischen Boden und der Luft, und vor allem: die Änderung der Richtung und Geschwindigkeit des Windes in zunehmender Höhe", erläutert Tornadoforscher Thomas Sävert.

Annamarie Pfefferkorn hat die Bilder allesamt im Kopf verankert. Nur ungern denkt sie an das Erlebte zurück. "So etwas muss ich nicht noch mal haben", sagt die Schönbornerin. Ihre alte Stubenuhr zeigt noch immer 17.25 Uhr.