Am 6. Februar 1989 hatten in Warschau Vertreter der demokratischen Opposition sowie der Staatsmacht den Dialog aufgenommen, der nach monatelangen Verhandlungen zur demokratischen Transformation in Polen geführt hat. dpa/roe Herr Wujec, Sie haben als Solidarnosc-Vertreter 1989 am Runden Tisch in Warschau mit den Kommunisten verhandelt. Haben sie damals erwartet, dass Sie 20 Jahre später in einem EU-Mitgliedstaat leben würden mit blühender Demokratie und prosperierender Wirtschaft? Wir hatten nicht die geringste Ahnung. Schließlich lebten wir seit 1945 im kommunistischen Block. Wir wussten, dass alle Versuche, sich von diesen Fesseln zu befreien, mit dem Einmarsch der sowjetischen Armee enden würden. So wie 1956 in Ungarn oder 1968 in der Tschechoslowakei. Unsere Hauptforderung war daher nur die Wiederzulassung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc. Was nach dem Runden Tisch kommen würde, übertraf alle unsere Vorstellungen. Was war mit den Signalen aus Moskau: Glasnost und Perestroika? Uns war klar, es war viel möglich. Sehr viel. Aber dass in Polen innerhalb von ein paar Monaten eine demokratische Regierung entstehen und sich später sogar die sowjetische Armee freiwillig aus Polen zurückziehen könnte, das hatten wir in unseren kühnsten Träumen nicht erwartet. Sicher - in ferner Zukunft. Aber dass es dann so schnell gehen würde, damit hatte wohl niemand gerechnet. Wie finden Sie Polen heute? Schön! Es ist das Polen, für das ich gekämpft habe. Natürlich hat es immer noch viele Fehler und Mängel. Es ist weit entfernt von einem Idealzustand. Aber die kommenden Generationen müssen ja auch noch etwas zu tun haben. Was wir geschafft haben, ist eine große Sache. Gibt es die Solidarnosc heute eigentlich noch? Solidarnosc war immer beides - Gewerkschaft und Freiheitsbewegung. Die Gewerkschaft gibt es bis heute, wenn sie auch stark geschrumpft ist und für andere Ziele kämpft als damals. Die Gegner haben sich geändert. Auf der anderen Seite stehen heute keine Kommunisten mehr, sondern Kapitalisten. Vom Gebäude der ehemaligen polnischen Botschaft in Berlin hängt ein Banner mit der Aufschrift "Es begann in Gdansk". Warum ist das so wichtig? Weil eben wirklich alles in Danzig begann, das freie Polen, der Fall der Mauer, die samtene Revolution, das Ende des Kommunismus. Es begann in Danzig mit den Streiks auf der Lenin-Werft, wo die Arbeiter die erste unabhängige Gewerkschaft im damaligen Ostblock erkämpften. Die Solidarnosc machte es dann allen anderen vor. Wie man friedlich kämpfen kann, indem man im ganzen Land streikt. Was das Volk bewegen kann, wenn es das wirklich will. Dass es möglich ist, das scheinbar Unmögliche zu erreichen. Der Fall der Mauer begann in Danzig. Daran sollten sich die Deutschen erinnern. Mit Henryk Wujec sprach Gabriele Lesser Herr Miller, Sie haben 1989 als Kommunist an den Beratungen am Runden Tisch teilgenommen. Haben Sie damals erwartet, dass Sie 20 Jahre später in einem EU-Mitgliedstaat leben würden? Ich nehme an, das hat keiner der damaligen Teilnehmer vorhersehen können. Dies umso mehr, als wir am Runden Tisch eine vierjährige Übergangsphase vereinbarten, in der die Polnische Vereinte Arbeiterpartei zusammen mit ihren Koalitionspartnern ZSL und SD die Mehrheit im Abgeordnetenhaus haben sollte. Es war keine Rede von einer nichtkommunistischen Regierung. Erst vier Jahre später sollte es zu freien Wahlen kommen. Diese Beschleunigung nach den Juni-Wahlen 1989 war nicht vorhersehbar und auch gar nicht Teil der Vereinbarungen. Freuen Sie sich heute dennoch über die Veränderungen? Auch wenn Sie damals auf der Regierungsseite saßen? Ich freue mich sehr. Der Runde Tisch war ein großer Erfolg. Polen wurde in nur 20 Jahren zu einer parlamentarischen Demokratie mit Marktwirtschaft, einer starken Kommunalverwaltung, rechtsstaatlichen Prinzipien und Staatsbürgerfreiheiten. Polen ist Nato- und EU-Mitglied. Das ist einer unserer größten Erfolge in der 1000-jährigen Geschichte unseres Landes. Sicher hat es auch Verlierer der Transformation gegeben, insbesondere unter den ärmeren Polen. Aber wenn man aus historischer Dimension auf das Jahr 1989 blickt, wird der Runde Tisch als Meisterleistung beurteilt werden. Vom Gebäude der ehemaligen polnischen Botschaft in Berlin hängt ein Banner mit der Aufschrift "Es begann in Gdansk". . . Meiner Ansicht nach ein schlechtes Motto. Denn es fing nicht in Danzig an, sondern in Warschau am Runden Tisch. Jetzt feiern wir seinen 20. Jahrestag, in ein paar Monaten den Fall der Berliner Mauer. Wir haben hier in Polen das Gefühl, dass unser Jahrestag nicht genügend gewürdigt wird. Denn wenn vom Fall der Mauer die Rede ist, wissen alle, worum es geht. Doch kaum jemand denkt an die polnische Vorgeschichte. So ein Runder Tisch ist sicher nicht so spektakulär wie eine fallende Mauer. Doch es ist schon richtig: Es begann in Polen, allerdings nicht in Danzig, sondern in Warschau. Warum ist das so wichtig für die Polen? Das ist eines der wenigen historischen Ereignisse, bei denen die Polen sich nicht eingestehen mussten, erst durch Schaden klug geworden zu sein. Der Runde Tisch ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Polen eine historische Chance nutzten. Wir Polen haben eine sehr romantische Natur, die uns manchmal im Weg steht. Der Runde Tisch aber war kein romantischer Aufstand, sondern ein kühles und rationales Herangehen an eine historische Situation. Mit Leszek Miller sprach Gabriele Lesser