Seit fast 50 Jahren ist das die Methode des Enthüllungsjournalisten. "Bei allen Rollen besteht die Kontinuität darin, die Schwächeren gegenüber den Mächtigeren zu verteidigen", sagt er. Vielen gilt der Kölner als soziales Gewissen und moralische Instanz. Am heutigen 1. Oktober wird Wallraff 70.

Seit den 60er-Jahren hat Wallraff kräftezehrende Einsätze absolviert, um auf unhaltbare soziale Zustände hinzuweisen. Sein Bestseller "Ganz unten" - 1985 verfasst nach seinen Erfahrungen als "türkischer Gastarbeiter Ali" - wird noch heute in vielen Ländern gelesen. Seine jüngste Recherche über den Paketzusteller GLS zeigt Wirkung. Er berichtete über "sklavenähnliche Zustände" für Fahrer, die 12 bis 15 Stunden täglich praktisch ohne Pause schuften - für drei bis fünf Euro pro Stunde. "Die gesamte Branche reagiert. Das ist beachtlich", sagt Wallraff, der einen Selbstversuch als GLS-Bote hinter sich hat.

Überschattet wird der Erfolg von Wallraffs früherem Mitarbeiter F. Er beschuldigt den Schriftsteller, er habe ihn über Jahre illegal beschäftigt und Steuern und Sozialabgaben hinterzogen. Zudem habe der Autor 2008 im Zusammenhang mit seiner Undercover-Reportage bei einer Brotfabrik eine eidesstattliche Erklärung manipulieren lassen. Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen dieser Beschuldigungen in drei Verdachtsfällen: Steuerhinterziehung, Beihilfe zum Sozialbetrug und Prozessbetrug. Wallraff sagt dazu: "Eine gezielte Verleumdung." Wallraff selbst, der in dritter Ehe verheiratet ist und fünf erwachsene Töchter hat, will sich nach der ersten Aufregung wieder voll auf seine Arbeit konzentrieren. "Es ist mein Lebenselixier und mein Lebensinhalt, mich nützlich zu machen, es mir und anderen dabei zu beweisen." Auch jenseits der 70. "Ich bin weiter gefordert. Ich bekomme ständig Zuschriften von Hilfesuchenden und Verzweifelten. Da kann ich nicht so tun, als ginge mich das nichts an."