Aus der eiligen Mitteilung, die der Chef des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS), Erich Mielke, am Nachmittag des 27. Oktober 1989 an alle Stasi-Bezirkschefs schickt, klingt Resignation. Die Anfang Oktober verhängte Sperre des visafreien Reiseverkehrs in die damalige Tschechoslowakei werde aufgehoben, heißt es darin. Und dass jeder DDR-Bürger einen Antrag auf ständige Ausreise stellen könne, der "kurzfristig und großzügig" entschieden werde, obwohl "jeder gebraucht wird".

Drei Wochen vorher hatte die DDR-Führung noch über die ausreisenden Prager Botschaftsflüchtlinge gesagt, man "solle ihnen keine Träne nachweinen". In dem Zug, der am fünften Oktober 1989 aus Prag in Richtung Westen fuhr, saßen mehr als 170 Menschen aus allen Teilen des ehemaligen Bezirkes Cottbus. Das geht aus Akten der Stasi-Bezirksverwaltung Cottbus hervor.

Knapp zwei Wochen vor dem Mauerfall ist dann offenbar auch der Stasispitze klar, dass die Fluchtwelle aus der DDR nicht mehr zu stoppen ist. Unaufhörlich war die Zahl derer gestiegen, die auch in einer reformierten DDR nicht bleiben wollten. Jeder Versuch, die im August begonnene Fluchtwelle einzudämmen, lässt auch bei Lausitzern den Entschluss reifen: Nichts wie weg, bevor der letzte Fluchtweg versperrt ist. Manchem ist dabei kein Weg zu weit.

Für Jörg Preißlers Flucht gab Erich Honecker den letzten Anstoß. Vier Tage nach der Schließung der Grenze zur Tschechoslowakei hatte der am 7. Oktober gesagte, "dass die Mauer noch in 20 Jahren stehen wird". Da setzt sich der Vermessungstechniker aus dem Tagebau Cottbus-Nord mit seiner schwangeren Frau und einem einwöchigen Visum für Ungarn ins Auto.

Wichtige Papiere liegen unter der Fußmatte. Erinnerungsstücke an seine Kindheit hat Preißler bei seinen Eltern versteckt. Über Polen, die damalige UdSSR, Ungarn und Österreich fahren die Preißlers nach Passau, weil die visafreie Einreise in die Tschechoslowakei seit der Prager Botschaftsbesetzung versperrt ist: 2000 Kilometer. Heute lebt die Familie im Münsterland. "Ich habe diesen Schritt nie bereut", sagt Jörg Preißler.

Andere haben nicht so viel Glück wie der Vermesser aus dem Tagebau. Ein 27-jähriger Finsterwalder, der über Ungarn in den Westen will, wird schon an der tschechisch-ungarischen Grenze festgenommen und in die DDR zurückgebracht. Nach mehreren Wochen in der Stasiuntersuchungshaft am Cottbuser Spreeufer stellt er einen offiziellen Ausreiseantrag beim Rat des Kreises Finsterwalde.

Er wolle "unwiderruflich" weg. In der Stasi-Haft habe er "genügend Zeit zum Nachdenken" gehabt. Auf eine Genehmigung braucht er nicht mehr lange zu warten. Zwei Wochen später fällt die Mauer.

Regelmäßig schreibt die Staatssicherheit im Herbst 1989 der Bezirksleitung Cottbus der SED Lageberichte. Anfangs tauchen darin noch Angaben zu einzelnen Flüchtlingen auf, zum Beispiel über eine Familie aus Hoyerswerda, der Ende August die Flucht über Ungarn gelang. Detailliert vermerkt wurde in so einer Meldung auch der "Erpresserfall" eines Finsterwalder Lehrers. Im September hatte dieser sich in die Prager Botschaft geflüchtet, um für sich, seine Frau und die beiden Töchter die Ausreise in den Westen zu erreichen.

Seine Geschichte zeigt exemplarisch, warum manche Menschen keinen anderen Ausweg mehr wussten.

Seit Anfang 1988 hatte die Familie drei Ausreiseanträge gestellt, die alle abgelehnt wurden. Der Pädagoge verlor, "in Zusammenhang mit der hartnäckigen Antragstellung", wie die Stasi schrieb, seinen Job und musste als Lagerarbeiter seinen Lebensunterhalt verdienen.

Was die Leute neben materiellem Mangel aus dem Land trieb, fasst ein erhalten gebliebener Bericht der Stasi-Kreisdienststelle Finsterwalde Ende September 1989 beispielhaft zusammen: das Gefühl von "Unfreiheit und Unmündigkeit" in Zusammenhang mit den "eingeschränkten Reisemöglichkeiten". Auf Montagsdemonstrationen tauchte später die Forderung auf: "Visafrei bis Schanghai".

Neben der bundesdeutschen Botschaft in Prag wird im Herbst 1989 auch die Vertretung der Bundesrepublik in Warschau zum Fluchtort Ausreisewilliger. Ein Mann flieht Mitte Oktober sogar in die deutsche Botschaft im kubanischen Havanna. Nach einer Woche kehrt er zunächst in die DDR zurück, nachdem ihm die Ausreise in den Westen zugesagt wurde.

Auch Ende Oktober 1989 ist der Weg in den Westen für DDR-Bürger noch gefährlich. Laut erhalten gebliebenen Stasiunterlagen werden zu diesem Zeitpunkt noch immer Menschen an der Grenze festgenommen, die verdächtigt werden, über die deutsche Botschaft in Prag oder Warschau in den Westen zu wollen. Bis zu diesem Zeitpunkt haben allein über Ungarn rund 47 000 Menschen die DDR Richtung Westen verlassen. Die meisten von ihnen sind zwischen 20 und 40 Jahre alt.

Der Cottbuser Pfarrer Christoph Polster gehörte zu denen, die im Herbst 1989 die DDR nicht verlassen, sondern verändern wollten. Doch Polster sagt, dass er diejenigen verstehen konnte, die wegwollten: "Die meisten von ihnen konnten sich für ihre Kinder ein Leben in der DDR nicht vorstellen."

Wer alles aufgibt und hinter sich lässt, mache es sich nie leicht, so der Pfarrer: "Viele haben die DDR einfach körperlich nicht mehr ausgehalten." Dass die Fluchtbewegung so eine große Dimension annahm, habe natürlich auch den dann folgenden Umbruch im Osten vorbereitet: "Da gab es dann kein Halten mehr."

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Zum Thema:
Im Herbst 1989 war die LAUSITZER RUNDSCHAU das "Zentralorgan der SED" im Bezirk Cottbus. Die Fluchtwelle wurde darin nur knapp und zum Teil bizarr dargestellt. Wer sich nicht in Westmedien informierte, hatte keinen Eindruck von Umfang und Dynamik der Entwicklung.Ein Ende August beim Fluchtversuch über die ungarisch-österreichische Grenze erschossener Mann wird als "durch Waffen verursachter Unfall" knapp vermeldet. In den folgenden Tagen tauchen vereinzelt Meldungen und kommentierende Texte auf, in denen von einer "zügellosen Hetzkampagne" die Rede ist, von falschen Versprechungen und vom Versuch, "Menschen zum Verlassen ihrer Heimat anzustiften". Kein Wort darüber, wie viele DDR-Bürger in Ungarn auf ihre Ausreise in den Westen warten und warum sie wegwollen.Am 11. September 1989 steht eine "Mitteilung des ADN" auf Seite eins. In nüchternen 20 Zeilen der DDR-Presseagentur wird gemeldet, dass Ungarn sich habe dazu "verleiten lassen", die Grenze für ausreisewillige DDR-Bürger zu öffnen. Einen Tag später folgt der Vorwurf des "organisierten Menschenhandels" und der "generalstabsmäßigen Vorbereitung des Tages X" an die BRD.Auch die Sonderzüge mit Tausenden Flüchtlingen aus der Prager Botschaft bringen es am 2. Oktober nur zu einer nüchternen Mitteilung über eine "einseitige Entscheidung der DDR aus humanitären Gründen". Unter der Überschrift "Sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt" folgt dann die Abrechnung mit den Flüchtlingen mit dem bekannten Satz, man "solle ihnen keine Träne nachweinen". Bald darauf tauchen in der LAUSITZER RUNDSCHAU Mini-Meldungen über Demonstrationen in der DDR auf. Deren Ende hat begonnen. sim