Nicht der Bundeswehrsoldat, der in einer Kaserne in der Hansestadt Wache schiebt. Nicht der Familienvater, der mit seiner Ehefrau und den drei kleinen Kindern auf Hallig Hooge mitten in der Nordsee lebt. Auch Helmut Schmidt (SPD), damals Hamburger Innensenator, weiß lange nicht, was auf sie alle zurollt: Die Sturmflut wird zur schwersten Naturkatastrophe der Nachkriegszeit in Deutschland, 315 Menschen kommen allein in Hamburg ums Leben.Immer einen Koffer gepacktEs ist etwa ein Uhr nachts am 17. Februar, als jemand wild an Savinas Fenster klopft und schreit: "Das Wasser, das Wasser!" Die Elfjährige wohnt mit ihren Eltern idyllisch im Hamburger Stadtteil Georgswerder am Elbdeich. Draack erinnert sich: "Natürlich waren meine Eltern wegen des Sturms besorgt, aber nicht wirklich beunruhigt. Sonst wären sie gar nicht ins Bett gegangen." Seit dem Krieg hat die Mutter immer einen Koffer gepackt, doch das Auto springt nicht an - im Motor steht bereits das Wasser.Den Bauch aufgerissenMit dem Auto kämpft sich in jenen Stunden Bundeswehrsoldat Karl-Heinz Krebs durch die schmutzigen Wassermassen, die sich in den Niederungen der Elbe breitmachen. Wie er hat jeder seiner Kameraden aus der Kaserne im Stadtteil Heimfeld einen kleinen Krankenwagen (Unimog) bekommen und bahnt sich einen Weg durch Hochwasser und Dunkelheit, um Menschen zu retten. Krebs fährt wieder und wieder los, um Menschen ins Trockene zu holen. Plötzlich muss der 22-Jährige eine Hochschwangere transportieren: Sie hatte sich beim Schwimmen durch eine Gartenanlage an einem Stacheldrahtzaun unter Wasser den Bauch aufgerissen.Mitten in der Nordsee bangt derweil Siegfried Baudewig um das Leben seiner Familie. Mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern - zwei, vier und sechs Jahre alt - sucht der 35-Jährige auf dem Heuboden seines Hauses auf Hallig Hooge Schutz. "Auf dem Dach kann man bei solchem Sturm nicht sein. Deswegen haben wir uns unter dem Dach mit Tauen an den Schornstein gebunden", berichtet Baudewig. Heute kann er schmunzeln, wenn er daran denkt, dass sich eines seiner Kinder um den Fernseher Sorgen machte. Damals dachte er nur: "Wenn wir diese Nacht bloß überleben!" Die Familie muss auf der Hallig ausharren. "Diese Stunden waren die schlimmsten!", sagt Baudewig.In der Nacht, in der die Flut kam, raste der Orkan mit 130 Stundenkilometern über Norddeutschland. Der Sturm presste das Wasser der Nordsee in die Trichtermündungen von Elbe und Weser. Mit unvorstellbarer Gewalt zermalmte die Flut Deiche in und um Hamburg. Binnen kurzer Zeit stand mehr als ein Sechstel der Hansestadt unter rund 220 Millionen Kubikmetern Wasser.Es wird die große Stunde des Innensenators Schmidt. Energisch riss der spätere Bundeskanzler im Gerangel um die Zuständigkeiten für die Rettungsaktionen die Zügel an sich und leitete eine groß angelegte Hilfe ein. Schmidt koordinierte Hubschraubereinsätze, Rettungsaktionen auf dem Wasser und dirigierte 20 000 Helfer. Das Wasser überraschte die Hamburger im Schlaf, drang bis zum Rathaus in der Innenstadt vor. Am schwersten traf es jene im Stadtteil Wilhelmsburg, wo viele in Behelfsheimsiedlungen lebten, in einfachen Häusern - eingeschlossen von Deichen. Der Stadtteil versank in den Wassermassen, Menschen ertranken in ihren Betten. Andere kletterten in Schlafanzügen auf Bäume und Dächer, hofften durchnässt in der kalten Winternacht auf Rettung, Kinder schrien nach ihren Eltern. Savina Draack konnte sich mit ihrer Mutter in eine Bäckerei retten. "Unsere Sachen wurden auf Backblechen getrocknet, die Bäckersleute kochten riesige Töpfe mit Tee und heißer Brühe", erinnert sie sich. Die schlimmste Zeit kam für sie und ihre Mutter danach: "Es dauerte etwa vier Tage, bis wir ein Lebenszeichen von meinem Vater erhielten."Im Stich gelassenWie Savina wurden Tausende Hamburger in Notunterkünften versorgt. Erst nach etwa zwei Wochen konnte ihre Familie wieder zum Haus zurückkehren, die Stadt stellte Öfen bereit, um die Räume zu trocknen. "Mein Vater wollte unbedingt zurück, ich auch. Meine Mutter hatte Angst, dass jederzeit wieder so etwas passieren könnte, aber mein Vater konnte sie überzeugen." Soldat Krebs war mehr als drei Wochen im Hochwasser-Einsatz, lieferte Matratzen und Decken an Bedürftige. "Wir wussten einfach nur: Wir müssen helfen und haben es gemacht!", berichtet er. Vom Staat in Stich gelassen fühlte sich Halligbewohner Baudewig. "Ja, wir hatten überlebt, aber die große Katastrophe folgte danach. Uns und unseren Tieren fehlte es an Trinkwasser", berichtet er. Ans Wegziehen dachte er aber auch nur in der Nacht des Grauens.