In der unmittelbaren Nachkriegszeit forderten nicht wenige Sorben einen Anschluss ihres Siedlungsgebietes, also eines Großteils der Lausitz, an die benachbarte Tschechoslowakei beziehungsweise einen eigenen Staat.

Insbesondere der in Prag beheimatete Lausitzisch-Sorbische Nationalausschuss machte sich unter Führung des damaligen Bautzener Landrates Jan Cyz sowie Jurij Cyz für ein Verlassen Deutschlands stark. Zumindest sollte es eine starke Anbindung an den südlichen Nachbarstaat geben.

"Wir wollen deutsche Gesetze nicht mehr befolgen", rief beispielsweise Jan Cyz in einem Schreiben auf, verfasst im Jahr 1946 in Bautzen.

Grenze bis Ruhland

Als Gründe führt der Kirchenmann unter anderem die ständige Gefahr der "Germanisierung" des kleinsten slawischen Volkes ebenso an als auch die Tatsache, dass die Sorben zu den ganz wenigen Völkern Europas gehören, die über kein eigenes Staatsgebiet verfügen. Nicht zuletzt verweist Cyz auf die enormen Ressourcen der Lausitz, die eine Selbstständigkeit durchaus ermöglichen würden.

Als künftige Fläche eines sorbischen Staates beziehungsweise eines Teils der Tschechoslowakei schwebte den Protagonisten ein Gebiet von 6242 Quadratkilometern vor, wie es aus historischen Unterlagen hervorgeht. Damit wurde das sorbische Siedlungsgebiet unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschrieben. Die Fläche sollte demnach von Beeskow und Fürstenberg (Oder), dem späteren Stalin- beziehungsweise Eisenhüttenstadt, im Norden bis an die tschechische Grenze im Süden reichen. Im Westen wurde die historische Grenze der Oberlausitz bis Ruhland, anschließend eine Linie westlich von Großräschen, Calau und Lübbenau, angenommen. Den östlichen Abschluss bildete die neue Grenze zwischen der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und den nunmehr früheren deutschen Ostgebieten jenseits der Lausitzer Neiße. Ungefähr dort, wo ab Mitte der 1950er-Jahre das Gaskombinat Schwarze Pumpe aus dem Boden gestampft wurde, hätte sich der Mittelpunkt des neuen Staates befunden.

Größeres Territorium

Auf anderen Karten wiederum wird das Gebiet wesentlich größer gefasst. Da reicht der sorbische Staat direkt an die südöstlichen Berliner Stadtgrenzen. Zudem hätte dieses Territorium auch die nun polnischen Flächen in der Ostlausitz beinhaltet.

Allerdings fand Jan Cyz selbst unter den sorbischen Mitbürgern längst nicht nur Anhänger seiner Vision. Bereits im März 1946 verfolgte der sorbische Dachverband Domowina die allgemeine Strategie der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), dass es eine Ausgliederung der Lausitz aus den deutschen Grenzen nicht geben dürfe. Damit befanden sich die Genossen voll auf Linie der sowjetischen Position, die sich für einen Verbleib des Gebietes in der SBZ aussprach.

Kurioserweise nahmen am Allslawischen Kongress in Belgrad am Jahresende 1946 gleich zwei sorbische Abordnungen teil, die von der Domowina und diejenige, die sich für eine Autonomie des westslawischen Volkes aussprach. Jugoslawien soll damals der einzige Staat gewesen sein, der dieses Anliegen begrüßte.

Letztendlich wurde der Plan, die Lausitz autonom beziehungsweise als Teil der Tschechoslowakei zu gestalten, fallen gelassen. Nicht unwesentlich trugen dazu die vielen Flüchtlinge aus den polnisch gewordenen Ostgebieten bei.

In manchen Dörfern schnellte der deutsche Bevölkerungsanteil auf bis 50 Prozent nach oben. So blieb der Traum eines unabhängigen sorbischen Staates bis heute unerfüllt.