Wo mehr als 700 000 Deutsche und Russen ihr Leben ließen, reichen sich die Feinde von einst die Hände. Ein Konzert des Osnabrücker Symphonieorchesters mit den Philharmonikern von Wolgograd, wie Stalingrad seit 1961 heißt, bildet den Abschluss des Gedenkens.

Auch sieben Jahrzehnte nach dem Blutbad ist Russland stolz auf seinen mit unermesslichem Leid errungenen Sieg. "In die Geschichte unseres Vaterlandes ist die Schlacht um Stalingrad als eins der hellsten Kapitel eingegangen", sagte Putin vor Kurzem bei einer Diskussion mit Jugendlichen. "Wir werden immer stolz sein auf die Menschen, die diesen Sieg für uns errungen haben", betonte der Präsident. "Die Schlacht ist unser nationaler Stolz", sagt auch Alexej Wassin, der Direktor des Wolgograder Kriegsmuseums. Die damaligen Kämpfe hätten heute einen geradezu "sakralen Charakter".

Für Hitler-Deutschland bedeutete die vernichtende Niederlage den Wendepunkt: Der Angriffskrieg wurde zu einem Verteidigungskrieg, der zwei Jahre später in Berlin verloren ging. Nachdem die deutsche 6. Armee im Herbst 1942 zunächst 90 Prozent von Stalingrad erobert hatte, begannen die Sowjets am 19. November eine Gegenoffensive. Sie führte zur Einkesselung und am 2. Februar 1943 zur Kapitulation der deutschen Truppen. Etwa 150 000 Deutsche starben bei Kämpfen oder bei Temperaturen von minus 43 Grad vor Kälte und Hunger. Rund 91 000 Mann gerieten in Gefangenschaft, aus der nur 6000 zurückkehrten. Die Zahl der sowjetischen Toten wird auf mindestens 500 000 geschätzt.

Um welch hohen Preis der Triumph errungen wurde, wagen russische Historiker erst seit dem Ende der Sowjetunion 1991 zu hinterfragen. Nicht nur Hitler, auch Sowjetdiktator Josef Stalin opferte dem "Wahnsinn von Stalingrad" Hunderttausende Menschenleben. "Die Kriegsführung der Roten Armee war sehr verlustreich, Tausende wurden sinnlos in den Tod geschickt", meint der Militärhistoriker Sergej Leonow. Widerstand in der Truppe habe es nicht oft gegeben, da unter Stalin der Heldenkult extrem stark ausgeprägt gewesen sei. "Zudem wurden Befehlsverweigerer sofort erschossen", sagt Leonow.

Dass Stalingrad für Soldaten beider Seiten die Hölle war, ist längst bekannt. Jetzt freigegebene Notizen sowjetischer Soldaten zeichnen ein schärferes Bild. Ihm sei es vorgekommen, als habe "die Erde tagelang Feuer geatmet", berichtet etwa Hauptmann Nikolai Axojonow. Jeder Soldat wollte "so viele Deutsche wie möglich umbringen", beschreibt der Offizier vor seinem Tod in Stalingrad. "An keinem anderen Ort in Europa hat es im Zweiten Weltkrieg ein solch verbissenes Ringen gegeben", sagte der Historiker Thomas Vogel anlässlich einer Stalingrad-Ausstellung, die noch bis 30. April 2013 im Militärhistorischen Museum Dresden läuft.

"Stalingrad war ein Ort von Hass und Todfeindschaft", erzählt der Veteran Wassili Matenkow. "Auch ich habe Deutsche getötet - weil ich es musste", sagte der 90-Jährige dem russischen TV-Sender Westi. Mittlerweile sei Wolgograd aber zu einem Symbol für Versöhnung geworden. "Der deutsch-russische Soldatenfriedhof Rossoschka gilt seit der Einweihung 1999 als leuchtendes Zeichen", meint Matenkow.