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| 02:43 Uhr

Als Bomben auf Cottbus fielen

Die Bombardierung des Flugplatzes in Cottbus im März 1944, fotografiert aus einem amerikanischen Flugzeug. Das Bild liegt in einem Archiv in der Hauptstadt der USA, in Washington.
Die Bombardierung des Flugplatzes in Cottbus im März 1944, fotografiert aus einem amerikanischen Flugzeug. Das Bild liegt in einem Archiv in der Hauptstadt der USA, in Washington. FOTO: National Archives
Cottbus. Am 15. Februar stehen sie sich wieder gegenüber: Neonazis, die einen Bombenangriff 1945 auf Cottbus ideologisch missbrauchen und Gegendemonstranten. Cottbus war im Zweiten Weltkrieg kein Zufallsziel der Alliierten. Simone Wendler

Das Wrack eines Jagdflugzeuges vom Typ Focke-Wulf 190 steht unter einem Blechdach neben der Ausstellungsbaracke des Cottbuser Flugplatzmuseums. Die sternförmig angeordneten Zylinder des Motors sind noch deutlich zu erkennen und die Pilotenkabine. Das Flugzeug lag bis vor wenigen Jahren unter einem Schuttberg auf dem Flugplatz Finsterwalde.

Doch Jagdflugzeuge dieses Typs haben viel mit dem Cottbuser Militärflugplatz und den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg auf Cottbus zu tun. Thomas Bussmann, zu DDR-Zeiten technischer Offizier auf dem NVA-Flugplatz in Cottbus und einer der Museumsgründer, hat sich damit beschäftigt.

Der Flugzeugenthusiast hat sich Kopien von Militärakten aus den USA schicken lassen: "Ab 1943 hatten die Amerikaner gestochen scharfe Luftbilder von Cottbus und Umgebung. Die wussten genau, was und wo produziert wurde." Und dieses Wissen sei für die Alliierten wichtig gewesen. Denn Cottbus war seit 1941 zu einem Rüstungsstandort ausgebaut worden. Auf dem Gelände des Cottbuser Flugplatzes seien Focke-Wulf-Flugzeuge für den Kriegseinsatz montiert worden, so Bussmann.

Vor fast 70 Jahren, im März und im Mai 1944 seien deshalb offenbar erste Luftangriffe der US-Air-Force gegen den Cottbuser Flugplatz geflogen worden. Im März sei der Bombenteppich jedoch neben dem Gelände stadtauswärts heruntergekommen und habe kaum Schäden angerichtet.

Im Mai 1944 verloren dagegen zehn russische Zwangsarbeiterinnen ihr Leben, als Produktionshallen getroffen wurden. "Die Produktion ging aber weiter", sagt Bussmann. Mehr als 1000 Tote hatte dann der Bombenangriff fast ein Jahr später am 15. Februar 1945 zur Folge. Zwei Tage vorher war Dresden im Bombenhagel in Flammen aufgegangen. An die Cottbuser Opfer, die in Massengräbern beigesetzt wurden, erinnern noch heute eine Gedenktafel und mit Namen eng bedeckte Grabplatten auf dem Cottbuser Südfriedhof.

Mit dem Flugplatz der Stadt und der dortigen Produktion von Jagdflugzeugen hatte dieser Angriff jedoch nichts mehr zu tun.

In der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges ging es den Alliierten auch darum, die Infrastruktur für Militärtransporte zu zerstören. Der Cottbuser Bahnhof , ein Knotenpunkt, und das Reichsbahnausbesserungswerk waren deshalb im Februar 1945 Ziel der rund 460 amerikanischen B 17-Bomber.

Die hatten eigentlich Kurs auf Schwarzheide genommen, um dort die kriegswichtige Produktion von Benzin aus Kohle zu zerstören. Witterungsbedingt wurden sie jedoch nach Cottbus umdirigiert.

Dort wurde nicht nur der Bahnhof weitgehend zerstört, auf dem ein Munitionszug nicht rechtzeitig weggefahren werden konnte und in die Luft flog. Auch das Krankenhaus und das damalige Frauengefängnis, das heutige Menschenrechtszentrum, wurden schwer getroffen. Auch Dutzende der inhaftierten Frauen waren unter den Opfern des Bombardements.

Übersichtskarte Bombardierung von Cottbus im zweiten Weltkrieg


Baombardierung von Cottbus auf einer größeren Karte anzeigen

Seit 2010 benutzt die rechtsextreme NPD den Jahrestag des Bombenangriffes vom 15. Februar 1945 für einen geschichtsfälschenden Aufmarsch in Cottbus. Ähnlich wie bei dem alljährlichen Neonazispuk im Februar in Dresden und vor wenigen Jahren noch beim "Heldengedenken" in Halbe (Dahme-Spreewald) werden die Deutschen dabei nur als Opfer, die Alliierten als blutrünstige Angreifer dargestellt. Dass Nazideutschland den Krieg durch den Überfall auf seine Nachbarn begann und für den Tod von Millionen Menschen in ganz Europa verantwortlich ist, wird dabei verleugnet. Doch dem Februar-Neonazi-Spuk in Cottbus geht langsam die Luft aus. Zum ersten Aufmarsch 2010 kamen rund 200 Extremisten, ein Jahr später fast 300. In diesem Jahr haben die Neonazis nur noch 100 Teilnehmer bei der Polizei angemeldet. Denn eine wachsende Zahl von Gegendemonstranten hat ihnen den Spaß verdorben.

In dem Bündnis "Cottbus bekennt Farbe" haben sich verschiedene zivilgesellschaftliche Gruppen zusammengeschlossen, darunter auch solche, die den Extremisten trotz Winterkälte mit Sitzblockaden immer wieder den Weg versperrten.

Ausgangspunkt des Bündnisses war der "Cottbuser Aufbruch", der den Februar-Marsch der Rechtsextremisten ebenso wenig hinnehmen wollte wie Antifa-Gruppen. "Wir haben uns dann langsam angenähert, dabei gab es immer wieder auch Differenzen", sagt Lothar Judith, Cottbuser DGB-Chef und ein Initiator von "Cottbus bekennt Farbe". "Jetzt nehmen wir jeden so, wie er ist, einzige Bedingung, er muss friedlich sein", beschreibt Judith den Kompromiss, auf dem das Bündnis inzwischen ruht.

Im vergangenen Jahr gingen rund 2500 Menschen gegen den Neonazi-Aufmarsch und für ein würdiges Gedenken der Kriegstoten auf die Straße. Für den 15. Februar hat Judith vor allem einen Wunsch: "Dass wir wieder sehr viele sind."

Zum Thema:
Im Nationalarchiv (Nara) der USA in Washington liegen neben amerikanischen Militärakten aus dem Zweiten Weltkrieg auch umfangreiche Bestände erbeuteter deutscher Heeresakten. In dem amerikanischen Aktenbestand liegen detaillierte Unterlagen der US-Airforce über die drei Bombenangriffe auf Cottbus 1944 und 1945. Die Dokumente umfassen nicht nur die Einsatzberichte und Flugauswertungen, sondern auch Zielkarten, Luftbilder und die kompletten Besatzungslisten der angreifenden Flugzeuge.Daraus geht hervor, dass die Amerikaner über die Rüstungsproduktion auf dem Cottbuser Flugplatz und die Bedeutung des Eisenbahnknotens für die Versorgung der Ostfront wussten. Die Bomber, die am 15. März 1945 um 12.00 Uhr mittags Cottbus angriffen, waren in Südostengland gestartet und verfügten über gute Informationen zu deutschen Luftabwehrstellungen, die ihnen hätten gefährlich werden können. Weil sie ihr eigentliches Ziel Ruhland/Schwarzheide wegen dichter Wolken nicht ansteuern konnten, wurden sie nach Cottbus gelenkt. Dirk Burgdorf ist Amerikaner und Hobbyhistoriker, der sich als freiberuflicher Rechercheur mit der Auswertung des Materials der Nara beschäftigt und der RUNDSCHAU das Foto vom Angriff auf den Flugplatz Cottbus 1944 zur Verfügung stellte. Er arbeitet für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, um mit alten Fotos Soldatengräber und Friedhöfe zu lokalisieren. Auf Anfrage wird Burgdorf auch für Privatpersonen tätig, wenn es um die Aufklärung einzelner Schicksale geht (zu erreichen unter: contact@naraexpert.com).