Auf Augenhöhe: Beherzt packt Susanne Zahn zu und steckt ihre kleine Tochter in die Strumpfhose. Anna steht auf der Waschmaschine und strahlt ihre Mutter an. "Mit dem Rückhalt in der Familie klappt bisher alles ohne Probleme", erzählt die 34-Jährige. Wunschkind Anna wurde vor anderthalb Jahren geboren. Nach einem Jahr Babypause hat Susanne Zahn die Geschäftsleitung der Forster Agrargenossenschaft übernommen.

"Eine junge Frau mit kleinem Kind - die Männer im Vorstand haben gewusst, worauf sie sich da einlassen."

Ihr Vorgänger und langjähriger Leiter des Betriebes, Egon Rattei, hat sie seit ihrer Ausbildung zur Landwirtin begleitet. Beratend steht er ihr weiterhin zur Seite. Loslassen fällt schwer.

"Die Susanne" kennt er noch aus der Zeit, als sie auf dem Gehöft ihrer Großmutter mit den Katzen, Kaninchen und Hühnern gespielt hat. Berührungsängste vor Tieren und dem Gestank im Kuhstall habe sie nie gehabt. Sie passt ins dörfliche Leben. Die Frau mit dem peppigen Kurzhaarschnitt engagiert sich bei der Freiwilligen Feuerwehr, ist bei Fastnachten und anderen Dorffesten immer dabei.

Aufgewachsen an der polnischen Grenze, zieht es sie nach dem Abitur nicht hinaus in die weite Welt. Weg wollte sie nie. Für die Pferdenärrin steht fest: "Ich möchte etwas mit Tieren machen." Sie beginnt eine Ausbildung bei der Forster Agrargenossenschaft.

Auf dem Dreiseitenhof ihrer Großmutter in Naundorf bei Forst, auf dem sie als Jugendliche ihre Leidenschaft für Pferde entdeckt hat, lebt sie heute mit ihrer kleinen Familie. Im Stall wartet Hengst Pitti vergeblich. "Für Dressur und Ausreiten bleibt neben der Arbeit und der Kleinen momentan wenig Zeit."

Das in die Jahre gekommene Gehöft wird nun Stück für Stück saniert. In Eigenleistung, mit vielen Ideen. "Wie der Betrieb", sagt Susanne Zahn und streichelt ihrer Tochter über den Rücken.

"Vor dem Studium wollte ich erst Erfahrungen in der Praxis sammeln", blickt sie auf ihre Anfangsjahre in der Landwirtschaft zurück. Nach dem Studium haben der jungen Agrarökonomin alle Türen offen gestanden. "Ich hätte jederzeit woanders hingehen können", sagt sie. Doch es zog sie zurück in die alte Heimat.

Diese Entscheidung hat sie kein einziges Mal bereut. "Ich bin zufrieden, wie es ist", sagt sie konsequent, "privat würde ich nichts anders machen."

Den Betrieb indes stellt sie auf den Prüfstand. Für dieses Jahr hat sie mehrere Projekte geplant, 2014 wird die Agrargenossenschaft in einen neuen Melkstand investieren. "Die Milchproduktion ist das A und O, davon finanzieren wir die Gehälter der Mitarbeiter."

Die erste Sprosse auf der Karriereleiter hat Susanne Zahn nach ihrer Rückkehr vom Studium nach Forst erklommen. Als stellvertretende Leiterin im männerdominierten Geschäftsbereich der Pflanzenproduktion wurde sie mit der Dokumentation und dem Pflanzenschutz betraut. Eine sensible, bürokratische Angelegenheit. Mit der absehbaren Pensionierung des langjährigen Leiters der Agrargenossenschaft wird im Betrieb ein Generationswechsel angestrebt. Vorstand und Belegschaft sprechen sich für einen Nachfolger aus den eigenen Reihen aus - Susanne Zahn erfüllt die gesuchten Voraussetzungen: Studium, Berufserfahrung und Heimatverbundenheit.

Jetzt wird von ihr erwartet, dass sie eine Leidenschaft für die Landwirtschaft entwickelt, die ihre Mitarbeiter inspiriert und mitreißt.

Leidenschaft gehört wohl dazu, wenn sie morgens um sieben Uhr ihre Tochter in die Kita bringt, sich am Nachmittag extra Zeit nimmt, um die Kleine wieder abzuholen, um dann abends noch Termine wahrzunehmen. Denn neben dem Management der betrieblichen Prozesse fällt ihr fortan auch die Repräsentation der Agrargenossenschaft zu. Eine Aufgabe, in die sie erst noch hineinwachsen muss.

Dass die Arbeitszeiten in der Landwirtschaft von der Saison und dem Wetter abhängen, daran hat sie sich gewöhnt. Wenn sie am Wochenende raus auf die Felder fährt, "um zu schauen, wie alles wächst", nimmt sie Anna mit.

Momentan geht es der Agrargenossenschaft gut. Trotzdem liegt sie manchnal nachts wach und denkt über betriebliche Abläufe nach. "Das gehört dazu, wenn man in einer verantwortungsvollen Führungsposition steht."

Bisher hat sie noch keinem Mitarbeiter kündigen müssen. Aber wenn der Betrieb in Schieflage geriete, wäre das eine Situation, vor der sie Respekt habe. Denn den Großteil ihrer Mitarbeiter kennt sie seit vielen Jahren. Sie kennt die familiären Hintergründe. Man duzt sich.

Das Telefon klingelt. Die kleine Anna quengelt auf dem Schoß ihrer Mutter, der Papa ist dran. Susanne Zahn reicht ihr das Telefon weiter. "Ich kann auch streng sein", versichert sie und lacht.

Ihren Mitarbeitern gewährt die junge Chefin Freiräume, indem sie versucht, ein Gleichgewicht von Strenge und Selbstständigkeit zu erhalten. "Wenn man den Angestellten alles vorschreibt, stumpfen sie irgendwann ab und machen nur noch, was man ihnen aufträgt." Daher ist ihr Führungsstil präzise: "Meinen Angestellten begegne ich auf Augenhöhe."

Zum Thema:
Susanne Zahn ist seit 2013 leitende Geschäftsführerin der Agrargenossenschaft Forst e.G. 1978 in Guben geboren, machte sie nach dem Abitur eine Ausbildung zur Landwirtin, die sie 1998 abschloss. 2001 bis 2005 studierte sie an der HTW - Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden Agrarwirtschaft. Während des Studiums blieb sie ihrem ehemaligen Ausbildungsbetrieb verbunden und absolvierte dort in den Semesterferien mehrere Praktika. Nach Beendigung des Studiums kehrte die Diplom-Agrarökonomin in ihre Heimat zurück und übernahm die stellvertretende Leitung in der Pflanzenproduktion. In Vorbereitung auf ihre spätere Führungsposition nahm sie 2007 an einem einjährigen Managementseminar zum Thema Generationswechsel teil. 2011 wurde Tochter Anna geboren. Nach einem Jahr Babypause trat Susanne Zahn die Nachfolge Egon Ratteis an. Heute lebt sie mit ihrem Partner in Naundorf bei Forst (Lausitz).