Jörg Latzko hat zu tun. Gemeinsam mit einem Freund reißt er Gehwegsteine aus dem Boden. Bald sind auch die Laube weg, das kleine Gewächshaus und die Brombeersträucher, an denen letzte daumendicke Früchte hängen. Die alten Obstbäume hat Latzko bereits in Kopfhöhe abgesägt. Auch ihre Wurzeln müssen aus dem Boden.

Denn Jörg Latzko und seine Frau Wiebke müssen ihren jahrelang liebevoll gepflegten Garten in der Sparte "Erholungseck" im Norden von Cottbus räumen. Am 31. Oktober muss alles raus, die Fläche komplett umgegraben sein. So steht es in einem Schreiben des Anwaltes des Kreisverbandes der Kleingärtner Cottbus-Stadt.

Der Verband hatte 2012 ein Räumungsurteil vor dem Amtsgericht Cottbus erstritten. Doch dass danach ein Garten so komplett niedergerissen wird, ist ein seltener Vorgang. Beim Brandenburger Landesverband der Gartenfreunde e.V. ist kein zweiter derartiger Fall bekannt. Das bestätigt Geschäftsführer Bernd Engelhardt. Zu dem Streitfall in Cottbus äußert er sich nicht.

Zentraler Vorwurf des Rauswurfes war eine schmale Parknische, die sich Jörg Latzko am Gartenzaun für sein Motorrad eingerichtet hatte. "Auf dem Parkplatz draußen wurde immer wieder daran herumgeschraubt", sagt seine Frau. Ihr Mann und sie hätten sich dabei auf eine mündlich zugesagte Duldung dieser Situation durch einen früheren Spartenvorsitzenden verlassen.

Einen Beleg dafür hatten sie nicht. "Wir haben nicht damit gerechnet, dass die so brachial vorgehen", beschreibt Wiebke Latzko ihre Überraschung, als das Räumungsurteil kam. "Wir haben die Lage verkannt."

Warum es nicht vorher zu einer Einigung mit dem Kleingartenverband kam? "Die wollten uns nur noch loswerden", versichert sie. Und ihr Mann sagt, der Kleingarten-Vorstand habe ihnen auch untersagt, einen Nachpächter zu suchen und an den zu verkaufen.

Christian Lelanz, Vorsitzender des Kleingartenverbandes Cottbus-Stadt, weist die Verantwortung für die Eskalation des Streites zurück: "Die Familie hat eine außergerichtliche Einigung abgelehnt." Auf die Frage, warum der Garten nun komplett gerodet werden muss und kein Nachpächter gesucht wurde, verweist er nur auf die Gerichtsentscheidung: "Es gibt ein Urteil, beide Parteien müssen sich daran halten."

Nach dem Bundeskleingartengesetz kann der Kleingarten-Verband Cottbus die Übergabe des gekündigten Gartens "schwarz", also ohne jede Pflanze und Bebauung fordern. "Dazu gibt es höchstrichterliche Urteile des Bundesgerichtshofes", sagt Peter Paschke, Präsident des Landesverbandes der sächsischen Kleingärtner. Ob das immer notwendig und sinnvoll sei, sei eine andere Frage.

Wenn es eine Gegend ist, wo potenzielle Nachnutzer durch den demografischen Wandel heute schon fehlen, dann sei die Kompletträumung notwendig. Anderenfalls wohl kaum: "Ein Nachpächter will immer schon einen Bewuchs haben, der will keinen völlig leeren Acker."

Auch in Streitfällen sei es deshalb immer besser, nach Kompromissen und Übergangslösungen zu suchen, wenn sich Gartensparte und Pächter trennen. Das kommt auch in Sachsen vor, doch selten. Etwa 30 bis 40 Fälle pro Jahr schätzt Paschke. Gemessen an den mehr als 210 000 Kleingärten im Freistaat jedoch eine sehr geringe Zahl.

"Es gibt immer wieder Leute, die sich nicht an die Regeln halten wollen", sagt Sachsens oberster Kleingartenchef. Es gebe aber nicht umsonst das Bundeskleingartengesetz und Rahmenordnungen für Kleingärten in jedem Bundesland. Gerade beim Abstellen von Fahrzeugen, so Peschke, müssten die Regeln streng durchgesetzt werden: "Wenn sie einem eine Ausnahme erlauben, kommen alle und dann ist Chaos."

Peschke bedauert, dass die Streitlust der Gartenpächter auch untereinander zugenommen habe. "Da wird schnell gegenseitig beschimpft, der andere Garten fotografiert und mit dem Anwalt gedroht." Es läge sehr viel an den Gartenvorständen, wie friedlich es in einer Anlage zugehe: "Manche sind da sehr geschickt im Umgang mit Menschen, andere sind Diktatoren."

In Brandenburg beobachtet auch Bernd Engelhardt, Geschäftsführer des Gartenfreunde-Verbandes, eine gewachsene Streitlust am Gartenzaun. "Manchmal ist der menschliche Faktor überbordend", formuliert er bemüht diplomatisch. In Brandenburg kann er sich neben dem Cottbuser Fall jedoch nur an eine weitere Räumung eines Gartens per Gerichtsurteil erinnern.

Für Wiebke und Jörg Latzko in Cottbus ist die Kompletträumung ihrer Parzelle nicht nur schmerzhaft, sondern auch teuer. Rechtsanwalts- und Gerichtskosten, der Laubenabriss durch eine Firma, die Entsorgung von Pflanzen und Baumaterial, da kämen rund 6000 Euro zusammen, rechnet Wiebke Latzko vor.

Eine andere Pächterin aus der Kolonie, die vorbeigeht, während das Ehepaar seinen Garten beseitigt, schüttelt den Kopf. Sie kenne zwar die Hintergründe des Streites nicht, sagt sie, doch das hier sei "eine bodenlose Schweinerei". "Da hätte es eine andere Lösung geben müssen", ist sie sich sicher. Ihren Namen in der Zeitung lesen will sie nicht.

Zum Thema:
1300 Kleingärtnervereine gibt es in Brandenburg. Ihre rund 66 000 Mitglieder beackern 4100 Hektar Pachtland.Sachsen zählt rund 210 000 organisierte Schrebergärtner in rund 4 000 Vereinen.Die Nachfrage nach Kleingärten ist regional sehr unterschiedlich. Während in größeren Städten in Brandenburg und Sachsen Interessenten teilweise auf Wartelisten stehen, gibt es auch bereits Regionen mit Garten-Leerstand bis zu 30 Prozent.Der Freistaat Sachsen hat dem Landesverband der Kleingärtner 60 000 Euro Fördermittel für eine Studie zur Verfügung gestellt. Darin soll die Auswirkung des demografischen Wandels auf die Kleingartennutzung bis 2025 untersucht werden.