Ist die Zeit jetzt reif dafür? Im Grunde müsste im Konrad-Adenauer-Haus der CDU noch ein Konzept in der Schublade liegen: 27 Seiten lang, erarbeitet von Georg Milbradt, einst sächsischer Ministerpräsident. Auftraggeber war im Jahr 2006 CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, jetzt Kanzleramtsminister. Der Plan sah in seinen Grundzügen vor, das Erwerbseinkommen im Haushalt steuerlich nicht nur auf die Eltern, sondern auf alle Familienmitglieder zu verteilen. Dadurch würden Familien mit Kindern begünstigt. Allerdings sollte dies nur für Verheiratete gelten, um es sich mit den Konservativen in der Union nicht ganz zu verderben. Ein Jahr später wurde das Familiensplitting dann als Erweiterung des Ehegattensplittings in das Grundsatzprogramm der CDU aufgenommen. Umgesetzt wurden der Beschluss nie.

Nun kommt neue Bewegung in die Sache. "Vielleicht gelingt uns ja ein richtig großer Wurf", so CDU-Vize Thomas Strobl optimistisch. Und Julia Klöckner, ebenfalls stellvertretende Parteichefin, betont auf Nachfrage: "Die Exklusivität des Ehegattensplittings hat sich in der ursprünglich angedachten Form überholt." Denn heute gebe es "viele Kinder in unverheirateten Beziehungen und in Patchwork-Familien". In Berlin wird nun kolportiert, dass Fraktionschef Volker Kauder den Ausbau vom Ehegatten- zum Familiensplitting prüfen lässt. Vorbild könnte Frankreich sein. Dort wird das Familieneinkommen für die Steuer nicht nur durch zwei geteilt, sondern für jedes Kind kommt ein Divisor hinzu. Bei den ersten beiden Kindern beträgt dieser je 0,5 und vom dritten an 1,0. Eine fünfköpfige Familie teilt ihr Einkommen also durch vier und spart so Steuern. Zwar fänden Gespräche derzeit statt, hieß es am Montag aus der Unionsfraktion, aber übereilte Entscheidungen werde es nicht geben.

Aus gutem Grund: Nicht nur die konkrete Ausgestaltung, sondern auch die Rechtslage ist extrem knifflig. Denn das Grundgesetz sieht eindeutig eine besondere Förderung der Ehe vor. Nach Ansicht des Haushaltsexperten Georg Schirmbeck (CDU) geht es jedoch an den gesellschaftspolitischen Notwendigkeiten total vorbei, gut verdienende Paare, "die ganz bewusst keine Kinder haben wollen", mit Milliarden an Steuervergünstigungen zu subventionieren. Die alternde Gesellschaft brauche vor allen Dingen Kinder. "Die sind zu fördern", so Schirmbeck. Deswegen könne er auch nicht einmal "einen kleinen Ansatz" dafür erkennen, schwule oder lesbische Lebensgemeinschaften mit Steuervergünstigungen zu bezuschussen.

Allerdings kann sich auch nicht jeder in der Union mit einem Familiensplitting anfreunden. So hieß es unlängst von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU), sie halte eine Umwandlung des Ehegattensplittings schlichtweg für zu teuer.

Zum Thema:
Die Union hat in den letzten Jahren mehrere konservative Grundsätze aufgegeben. Wehrpflicht: Im Dezember 2010 beschließt Schwarz-Gelb die Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011. Das Beharren auf der Wehrpflicht war Alleinstellungsmerkmal der Union. Atomausstieg: Gegen erbitterten Widerstand setzen Union und FDP 2010 eine Verlängerung der Atomlaufzeiten durch. Nach dem Fukushima-Unglück kommt es zu einer Kehrtwende. Hauptschule: Beim Parteitag 2011 in Leipzig löst sich die CDU von der Tradition des dreigliedrigen Schulsystems. Neben dem Gymnasium soll es eine "Oberschule" geben, die Haupt- und Realschule vereint. Mindestlohn: In tariflosen Bereichen soll es allgemein verbindliche Lohnuntergrenzen geben. Homo-Ehe: Die CDU will eine weitere Gleichstellung homosexueller Lebenspartner mit der Ehe prüfen.