Und so erklärt sich auch die Sache mit dem doppelten Bad im Fluss: Beim zweiten Hineinsteigen ist das Wasser des ersten Bades längst weitergeströmt, der Fluss also nicht mehr derselbe Fluss.

Mit der Zeit ist es nicht anders. Auch sie fließt. Verfließt. Folglich gilt: Niemand besucht zweimal dasselbe Warschau, schon gar nicht nach mehr als einem Jahr verflossener Zeit. Die polnische Hauptstadt, ohnehin eine hektische, nie verharrende Metropole, hat sich sichtlich und spürbar verändert.

Sichtlich, weil viel gebaut worden ist. Im Zentrum ist ein völlig neuer Straßenzug entstanden (die ulica Swietokrzyska, wenn es jemand genau wissen möchte). Weniger offensichtlich, aber umso bedeutsamer ist, dass unter der Stadt seit einem halben Jahr eine zweite U-Bahn-Linie verkehrt.

Zwei Metro-Linien, nun gut, das klingt wenig spektakulär. In Hamburg, das fast gleich groß ist, sind es vier. Hinzu kommt dort die S-Bahn, zu der es in Warschau kein echtes Pendant gibt. Dennoch: Für Warschau ist der Start der M2, die unter der Weichsel hindurch zwischen West und Ost verkehrt, ein Zeitsprung. Leider ist über der Erde nicht so viel von der untergründigen Veränderung zu spüren, wie man es sich als Spaziergänger wünschen würde, im Gegenteil: Der Autoverkehr scheint weiter zugenommen zu haben. Staus, so weit das Auge reicht. Das sieht nicht gut aus, das hört sich nicht gut an, und das riecht auch nicht gut.

Apropos spüren: Den wahren Wandel einer Stadt kann nur jeder für sich selbst erfühlen. Mein Warschau hat sich nicht durch den Metro-Ausbau am dramatischsten verändert, sondern weil ... nun ja, weil mein Lieblingsrestaurant nicht mehr existiert, in dem es einst die besten Piroggen in ganz Polen gab. Was sage ich? Auf der Welt! Diese Erkenntnis war ein echter Schock für mich, als wäre ich beim zweiten Bad in Heraklits Fluss in Eiswasser gestiegen.

Doch damit nicht genug! Verschwunden ist auch die Regenbogen-Skulptur auf dem Plac Zbawiciela, dem Platz des Erlösers. Um den Regenbogen, der jahrelang vor einer der berühmtesten Kirchen Warschaus stand, hatte es immer wieder Streit gegeben, weil Katholiken und Ultrarechte darin ein Symbol der Schwulen- und Lesben-Bewegung sehen wollten. Mehrfach attackierten Randalierer das Werk der Performance-Künstlerin Julita Wojcik. Künftig soll der Regenbogen an weniger prominenter Stelle gezeigt werden, am Zentrum für Moderne Kunst. Das ist zwar schön und gut, aber eben nicht dasselbe.