Es war Anfang 2010, als eine Welle der Empörung durch das Land schwappte. Damals wurden immer mehr Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen bekannt. Es gerieten vor allem Lehrer, katholische Priester und Ordensleute in die Kritik. Die Bundesregierung setzte eine Missbrauchsbeauftragte und einen Runden Tisch ein und förderte eine Studie, um das Ausmaß des Missbrauchs zu untersuchen.

Nun ist diese Studie da. Der Kriminologe Christian Pfeiffer und Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) stellten am Dienstag das Ergebnis vor, das überraschend ist: Der sexuelle Missbrauch nimmt ab. Ist also alles gar nicht so schlimm, wie es zunächst schien?

Die Wissenschaftler sehen in dem Ergebnis ihrer Untersuchung und dem öffentlichen Wirbel vor ein bis zwei Jahren keinen Widerspruch. Auch der große Zulauf bei der Missbrauchsbeauftragten Christine Bergmann stehe dem nicht entgegen. Schließlich hätten sich seit Ende 2009 vorrangig Opfer in die Öffentlichkeit gewagt, die bereits mehr als 50 Jahre alt gewesen seien. Der Missbrauch liege hier also sehr weit zurück.

Und auch bei Bergmann meldeten sich vor allem Opfer – und zwar oft welche, die schweren sexuellen Missbrauch erlebt haben und lange schwiegen. Die älteste Person, die Bergmanns Anlaufstelle kontaktierte, war 89 Jahre alt – das Durchschnittsalter der Anrufer und Briefeschreiber lag immerhin bei 46 Jahren.

Kaum Missbrauch durch Priester

Die Autoren der Studie um den Kriminologen und früheren niedersächsischen SPD-Justizminister Christian Pfeiffer haben aber nur die 16- bis 40-Jährigen befragt. Als Grund geben sie an, dass die älteren Jahrgänge bereits in einer ersten repräsentativen Studie von 1992 untersucht wurden. Der Vorsitzende des Netzwerkes Betroffener von sexualisierter Gewalt, Norbert Denef, bezweifelt allerdings stark, dass Opfer bei Befragungen überhaupt einen Missbrauch angeben. Jedoch hält Pfeiffer die Gruppe derer, die so schwer traumatisiert sind, dass sie im Fragebogen kein Kreuzchen machen oder machen können, für klein. Er räumt aber ein, dass es keine Kontrolle darüber gibt, ob die Antworten wahrheitsgemäß gemacht wurden.

Zweite Überraschung: Von den nun befragten rund 11 500 Menschen berichtete nur eine einzige Person davon, von einem katholischen Priester missbraucht worden zu sein. Kann das stimmen?

Die Autoren meinen ja. Pfeiffer verweist auf die USA. Dort sei der Missbrauch durch Priester primär in den 1970er- und 80er-Jahren zehn bis zwanzig Mal häufiger als heute gewesen. „Damals waren die meisten Täter eigentlich nicht auf Kinder fixiert, sondern sie haben sich an Kindern vergriffen, weil sie an ihre eigentlichen Zielpersonen – primär Frauen oder homosexuelle Männer – nicht rankamen“, so Pfeiffer. Dies habe sich mit der veränderten Sexualmoral geändert.

Heimkinder unterrepräsentiert

Ob dies auch in Deutschland so war, wird noch gesondert untersucht. Die neue Studie hat dennoch Knackpunkte. Die Autoren verweisen selbst darauf, dass Menschen, die in Heimen aufwuchsen, in der Studie unterrepräsentiert sind und die Missbrauchsvorgänge in Heimen deshalb wohl deutlich unterschätzt werden. Dabei waren es gerade auch ehemalige Heimkinder, die in jüngster Zeit mit ihren Missbrauchs- und Gewalterfahrungen an die Öffentlichkeit gegangen sind.

Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, warnte kürzlich in einem Interview davor, sexuellen Missbrauch als Thema der Vergangenheit abzutun. Fazit: Vielleicht sind die Zahlen wirklich gesunken. Aber das, was derzeit passiert, ist noch schlimm genug. Und das bezweifeln auch die Autoren der neuen Studie nicht.