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Allein zwischen den Fronten

Unter einem schüchternen Lächeln leuchtet das ganze Kindergesicht. Heute wird der kleine John Amara seine Mutter wiedersehen. Das zumindest haben ihm seine Betreuer vom Roten Kreuz erzählt. Von Emmanuel Goujon

Seit Wochen ist der Achtjährige von seiner Familie abgeschnitten - verloren gegangen in den Kriegswirren in Liberia.
Wie John irren Dutzende Kinder durch das westafrikanische Bürgerkriegsland, weil sie auf der Flucht vor Kämpfen und Angriffen plötzlich ihre Eltern, Geschwister oder Tanten aus den Augen verloren haben. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Monrovia betreut zurzeit 125 Kinder, die von ihren Familien getrennt wurden.
Johns Familie gehört zum großen Flüchtlingstreck in Liberia, den die Kämpfe quer durch das Land treiben. Im vergangenen Jahr floh die Familie bereits aus Tubmanburg, nachdem sich Rebellen und die Regierungstruppen von Präsident Charles Taylor in der Stadt rund 80 Kilometer nordwestlich von Monrovia heftige Gefechte geliefert hatten. Mutter und Kinder kamen bei Verwandten in Gardnersville, einem Wohnort am Rande der Hauptstadt unter, wie Albert Jamah vom IKRK erzählt. John sei in einem Lager des Roten Kreuzes gelandet. Als Rebellen der Gruppe Vereinigte Liberianer für Versöhnung und Demokratie (LURD) Ende Juni eine Offensive auf Monrovia starteten, musste die Familie wieder fliehen.

"Dann hat sie mich losgelassen"
"Ich war mit meiner Schwester zusammen", erinnert sich John. "Sie hat meine Hand gehalten, wir sind geflohen und gelaufen, dann hat sie mich losgelassen und ich habe sie nicht mehr gesehen." Zwei Tage später gabelte ein Polizist den kleinen Jungen in 15 Kilometern Entfernung von dem Flüchtlingslager auf. Er brachte das Kind zum Suchdienst des Roten Kreuzes.

Bislang 40 Kinder vermittelt
Seit die Rebellen ihre Kämpfe mit den Regierungssoldaten Ende Juni wieder verstärkten, hat der Vermittlungsdienst des IKRK in Monrovia Hochkonjunktur. Dutzende Kinder wurden hier in den vergangenen Wochen abgegeben, die allein zwischen den Kriegsfronten herumirrten. Über Radio gibt der Hilfsdienst immer wieder die Namen der gestrandeten Kinder durch. Bislang konnten so immerhin rund 40 Kinder vermittelt werden.
Doch nicht immer hat ihre Geschichte ein Happy End - wie auch Johns Beispiel zeigt. Der weiße Jeep des Roten Kreuzes rumpelt durch Gardnersville. Auf der einen Seite der Straße stehen kleine Häuser, auf der anderen Seite liegen Reisfelder. Der Wagen hält vor einer Tür, vor der eine große Frau vor Freude aufschreit, den verwirrten Jungen umarmt und sich abwechselnd bei den Rot-Kreuz-Mitarbeitern bedankt und den kleinen John tröstet - Kumba Ansumana ist Johns Tante. Seine Mutter ist vor Monaten im Kindbett gestorben. "Weine nicht, mein Kindchen", flüstert die Tante dem Jungen zu, der mit großen Augen ins Leere blickt. "Bei uns passiert es oft, dass, wenn ein kleines Kind seine Mutter verliert, eine andere Frau aus der Familie es aufnimmt und ihm sagt, sie sei die richtige Mutter oder nicht erzählt, dass diese gestorben ist", erläutert IKRK-Mitarbeiter Jamah. "Ich glaube, John hatte erwartet, seine richtige Mutter zu sehen. Er hat jetzt einen Schock und ist enttäuscht, aber er wird darüber hinwegkommen."