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| 02:45 Uhr

Allein die Dokumentation kostet 2,7 Milliarden Euro

Berlin. Eine Besserung ist nicht in Sicht: Der hohe Bürokratieaufwand in der Pflegebranche treibt die Kosten in die Höhe und sorgt dafür, dass der Dienst am Menschen dabei auf der Strecke zu bleiben droht. Die RUNDSCHAU erklärt, wie die Politik nach Wegen aus dieser Misere sucht – und sich dabei selbst im Weg steht. Stefan Vetter

Die Pflegebranche stöhnt unter einem wachsenden Bürokratieaufwand und den damit verbundenen Kosten. Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden betragen die Lohn- und Sachkosten allein für die Pflegedokumentation rund 2,7 Milliarden Euro im Jahr. Das sind rund 13 Prozent der Gesamtausgaben der Pflegeversicherung.

Schon die schwarz-gelbe Koalitionsvereinbarung legt gewissermaßen den Finger in die Wunde: Demnach soll der Pflegesektor "konsequent" entbürokratisiert werden, "damit der eigentlichen Pflege am Menschen wieder mehr Zeit eingeräumt wird". Praktiker sehen sich jedoch mit dem glatten Gegenteil konfrontiert. "Die bürokratischen Anforderungen an die Pflegekräfte nehmen immer mehr zu, weil die Dokumentation der Pflegefälle als Nachweis bei den Qualitätsprüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen gilt", klagt der Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (BPA), Bernd Meurer. Auf diese Weise steige der Druck in den Pflegeeinrichtungen, alles schriftlich festzuhalten. "Selbst so banale Dinge wie das Anschließen eines Kabels an den Rasierapparat eines Demenzkranken durch den Pfleger werden da aktenkundig", weiß Meurer aus eigener Erfahrung zu berichten.

Eine vom Bundeskanzleramt in Auftrag gegebene Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes untermauert diesen Befund. Demnach verbringt eine Fachkraft im Pflegeheim allein sechs Stunden und 26 Minuten damit, einen pflegebedürftigen Neuzugang zu dokumentieren. Bei 50 Neuaufnahmen im Jahr summiert sich der Aufwand auf acht volle Arbeitswochen. Die Dokumentationspflichten für jeden Pflegebedürftigen nehmen darüber hinaus 16 Minuten pro Tag in Anspruch. Bei 100 Heimbewohnern sind das für einen Pfleger schon 26 Arbeitsstunden. Die damit insgesamt verbundenen Kosten im Umfang von 2,7 Milliarden Euro liegen mehr als doppelt so hoch wie die Leistungsverbesserungen im Rahmen der geplanten Pflegereform.

An politischen Versuchen, den Amtsschimmel im Pflegesektor zu zügeln, hat es in der Vergangenheit nicht gemangelt. Schon im Jahr 2005 wurde eine Arbeitsgruppe Entbürokratisierung gebildet. Es folgten Empfehlungen des "Runden Tisches Pflege", die Dokumentationspflichten auf ein vertretbares Maß zu reduzieren. Im Vorjahr griff der damalige Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) das Thema im Rahmen seines Pflege-Dialogs erneut auf. Im Juni 2011 wurde mit Elisabeth Beikirch sogar eine Ombudsfrau zur Entbürokratisierung der Pflege bestellt. Am heutigen Mittwoch soll Beikirch im Gesundheitsausschuss des Bundestages über den Stand der Dinge berichten. Doch auch sie dürfte den Abgeordneten wenig Erfreuliches mitzuteilen haben.

Die statistischen Erkenntnisse zeigten, dass der Dokumentationsaufwand in der Pflege viel zu hoch sei. Dies müsse endlich auch gesetzliche Konsequenzen haben, fordert BPA-Chef Meurer. "Wenn es uns gelänge, diesen Aufwand um die Hälfte zu reduzieren, dann entspräche dies mehr als dem finanziellen Volumen der geplanten Pflegereform".