Jörn Meyer, Geschäftsführer der Jugendhilfe Cottbus gGmbH, ist mit seinem Büro in ein kleineres Zimmer umgezogen. Wo sich bisher sein Schreibtisch befand, stehen jetzt drei Doppelstockbetten und Metallspinde. Ähnlich spartanisch sind weitere Zimmer im Jugendnotdienst der Jugendhilfe in Cottbus eingerichtet, in denen insgesamt 23 junge Burschen untergebracht sind.

Sie sind 16 bis 17 Jahre alt, stammen meist aus Afghanistan oder Syrien und kamen ohne Eltern nach Deutschland. Im Jugendnotdienst der Jugendhilfe, einem von drei Trägern solcher Plätze in Cottbus, haben sie ein Übergangsquartier gefunden. An Betreuern und Besuchern testen sie ihre ersten gelernten Deutsch-Vokabeln.

"Die Jungs sind freundlich und höflich", versichert Sozialpädagogin Stefanie Kaygusuz-Schurmann. Bis zum Jahresende kümmert sie sich über einen Werkvertrag mit dem Jugendnotdienst um die Minderjährigen. Danach würde sie gern fest anheuern. Ein Wunsch, der auf offene Ohren bei Geschäftsführer Meyer stößt: "Wir wollen sie unbedingt halten."

Denn die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Ausländer, im Amtsdeutsch "umA" genannt, ist ein Thema, das in allen Kommunen der Region Fahrt aufnimmt. In den vergangenen Jahren wurde die geringe Zahl dieser Minderjährigen deutschlandweit fast ausschließlich in einigen zentralen Einrichtungen betreut.

Jetzt müssen alle Kommunen mit anpacken. Denn seit 1. November werden die minderjährigen Ausländer wie Erwachsene nach Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft auf die Bundesländer und dort weiter auf die Kommunen verteilt. Dort müssen nun geeignete Unterbringungsmöglichkeiten und die Betreuung der Minderjährigen organisiert werden.

Von Januar bis Mitte Dezember übernahmen Brandenburger Jugendämter die Betreuung von rund 1200 ausländischen Minderjährigen. In Sachsen waren es 1600. In den Vorjahren war es jeweils nur etwa ein Zehntel davon. Auch im neuen Jahr wird mit einer größeren Zahl minderjähriger Flüchtlinge gerechnet, die in Brandenburg und Sachsen betreut werden müssen.

Für die jungen Schutzsuchenden sollen bei allen Jugendämtern "Clearingstellen" eingerichtet werden. Die Jugendhilfe Cottbus will sich bis Mitte Januar als Träger für so eine Einrichtung bewerben. Clearingstellen sollen eine Art Erstaufnahmeeinrichtung für Minderjährige sein, in der sie drei Monate verbleiben.

Sozialpädagogin Kaygusuz-Schurmann zählt auf, was dort in dieser Zeit geklärt werden soll: Gibt es in Deutschland noch Verwandte des Jugendlichen? Welche gesundheitlichen und individuellen Probleme hat er? Müssen Papiere zum Nachweis seiner Identität besorgt werden? Welche Schulbildung bringt der junge Flüchtling mit?

Das Wichtigste sei jedoch, einen Vormund zu finden. "Ohne Vormund geht fast gar nichts", sagt Stefanie Kaygusuz-Schurmann. Zum Beispiel könne ohne einen Vormund kein Asylantrag gestellt werden. Da nicht genug Privatpersonen zur Verfügung stehen, die diese Aufgabe schultern wollen, übernehmen oft Jugendamtsmitarbeiter die Vormundschaft.

Während der dreimonatigen Clearing-Phase sind die Jugendlichen noch nicht schulpflichtig. Im Cottbuser Jugendnotdienst lernen sie schon Deutsch durch Ehrenamtler, es gibt Kontakt zu Vereinen. Ab Januar sollen Intensiv-Sprachkurse und Vorbereitungskurse für einen Schulbesuch angeboten werden. Die schulische Vorbildung der Jugendlichen sei sehr heterogen, so Sozialarbeiterin Kaygusuz-Schurmann.

Ungewissheit und Angst, ob sie bleiben dürften, ließen die Minderjährigen anfangs zögern, über sich und ihre Fluchtgeschichten zu erzählen, sagt sie. Nur langsam öffneten sie sich. Alle seien allein auf die Flucht gegangen, einige jedoch inzwischen auch wieder aus Cottbus verschwunden.

Im Januar werden mehrere der minderjährigen Flüchtlinge im Cottbuser Jugendnotdienst 18 Jahre alt. Das Jugendamt, so Kaygusuz-Schurmann, habe signalisiert, sie vorerst weiter dort zu lassen und nicht sofort in eine Asylunterkunft für Erwachsene zu schicken. Je nach individueller Situation ist eine solche Verlängerung möglich.

Ziel der Betreuung sei, wie bei deutschen Jugendlichen auch, die Befähigung zur Selbstständigkeit und das über die Zeit in der Clearingstelle hinaus, so Geschäftsführer Jörn Meyer. Deshalb halte die Jugendhilfe Cottbus als gemeinnütziger Träger schon jetzt Ausschau nach anderen Wohnformen für zu betreuende junge Ausländer: "Wir könnten uns da zum Beispiel studentische Wohngemeinschaften vorstellen, die einen Flüchtling aufnehmen", so Meyer. Eine andere Möglichkeit sei die Anmietung von Wohnungen für Einzel- oder Gruppenunterbringung.

Zum Thema:
Brandenburg hat als erstes Bundesland noch vor Weihnachten eine Novelle zum Jugendhilfegesetz verabschiedet, um das Landesrecht an die neue bundesrechtliche Regelung zur Unterbringung minderjähriger, unbegleiteter Flüchtlinge anzupassen.2010 bis 2014 nahm Brandenburg jährlich 80 bis 150 minderjährige Flüchtlinge auf. 2015 waren es bis Mitte Dezember fast 1200. Ähnlich groß ist der Anstieg in Sachsen. Im Freistaat kamen 2015 bis Mitte Dezember fast 1600 alleinreisende minderjährige Ausländer an. Brandenburg hat mit der Novelle zum Jugendhilfegesetz festgelegt, dass die Kommunen die kompletten Kosten für die Unterbringung und Betreuung minderjähriger Flüchtlinge erstattet bekommen. Das Land übernimmt auch die Kosten für den damit verbundenen personellen Mehraufwand zum Beispiel beim allgemeinen Sozialdienst und durch Amtsvormundschaften.Der Bund hat den Ländern zugesichert, sich von 2016 bis 2019 mit jährlich 350 Millionen Euro an den Kosten für die Betreuung minderjähriger Flüchtlinge zu beteiligen.