Der Regionalexpress nach Frankfurt (Oder) um 5.57 Uhr ist der letzte Zug, der vor Beginn des Lokführer-Warnstreiks den Cottbuser Bahnhof verlässt. "Weit wird er nicht fahren. Vielleicht bis Peitz. Dann ist Schluss, solange wir streiken", sagt Roland Parnitzke. Zusammen mit weiteren Lokführern steht er in der Bahnhofshalle, verteilt Zettel an die Reisenden. Darauf steht, warum sich zurzeit kein Rad mehr dreht. "Wir möchten uns bei Ihnen entschuldigen für die Unannehmlichkeiten heute Morgen", erklärt er einem jungen Bahnkunden, dessen Zug erst später fahren wird. "Aber wir haben keine andere Wahl, uns beim Bahnvorstand mit unseren Forderungen verständlich zu machen."

Diese Forderungen sind drei Prozent mehr Lohn zu den durchschnittlich 1200 Euro netto, die einem Lokführer heute gezahlt werden und die Angleichung der Ostlöhne an die um zehn Prozent höheren Westtarife bis 2007. Und schließlich richtet sich der Unmut der Lokführer gegen die Absicht des Bahnvorstands, Leerlaufzeiten während der Dienstschichten nicht zur Arbeitszeit zu rechnen. Rund 18 Tage im Jahr sollen Lokführer und Zugbegleiter auf diese Weise unentgeltlich arbeiten.
Der junge Mann kann die Gründe nachvollziehen, eine Frau, die kopfschüttelnd auf die große Zugabfahrtstafel blickt, offenbar nicht.
Die Bahnhofshalle ist an diesem Morgen im Vergleich zu den anderen Wochentagen auffallend dünn besucht. Viele Reisende wussten aus der Zeitung oder dem Fernsehen, dass in der Region gestreikt wird: Kein Zug nach Forst. Keiner nach Ruhland. Nicht nach Berlin.

Um 6.21 Uhr fährt doch ein Zug am Bahnsteig 1 ein - der Lausitzbahn-Triebwagen aus Zittau. "Das geht klar", sagen die streikenden Lokführer, "die Kollegen von Connex gehören zu unserer Gewerkschaft, haben aber andere Tarifverträge."
Plötzlich kommt Bewegung in die Runde. Mitten in der Streikzeit wird um halb sieben die Ankunft des D-Zuges aus Kraków (Krakau) über Forst angekündigt. "Was ist da los?", ruft Parnitzke ins Handy. Die Auflösung des "Zwischenfalls": Der Lokführer des D-Zuges ist aus dem Cargo-Bereich der Bahn und gehört keiner Gewerkschaft an. "Offensichtlich will er sich uns nicht anschließen. Wir drängen ihn nicht", geben die Lokführer zu verstehen. Auch sie würden lieber ihre Züge fahren. "Aber da wir in den vergangenen acht Jahren die Produktivität je Eisenbahner um 150 Prozent erhöht haben und mit unseren Forderungen beim Vorstand auf Granit beißen, bleibt uns nur der Streik als Mittel", argumentiert Parnitzke.

Punkt 6.45 Uhr gehen die Lichter in den Zügen an den Bahnsteigen wieder an. Der Triebwagen nach Hoyerswerda ist der Erste, der abfährt. Allerdings mit rund 20 Minuten Verspätung. So dauert es einige Stunden, ehe der Fahrplan wieder ins Lot kommt.
Nach dem Warnstreik zieht der Chef der Lokführergewerkschaft für Berlin, Brandenburg und Sachsen, Hans-Joachim Kernchen, Bilanz: "Eine wirksame Sache. Rund 500 Lokführer auf 500 Zügen von Berlin über Cottbus bis Dresden machten während der 45 Minuten Warnstreik noch einmal deutlich, dass sie nicht mit sich spielen lassen."