Seit es Menschen gibt, gibt es Hunger. Seit es Menschen gibt, gibt es Armut. Seit es Menschen gibt, gibt es Diskriminierung. Was die Welt in Tausenden Generationen an Elend angehäuft hat, soll nun binnen einer halben Generation beseitigt werden. Die Vereinten Nationen haben sich nicht weniger vorgenommen, als in 15 Jahren Hunger und extreme Armut auf der Welt zu besiegen.

Etwa 160 Staats- und Regierungschefs, inklusive des Papstes, wollen das am Wochenende auf dem größten Gipfeltreffen der Geschichte besiegeln. Aber niemand weiß, ob das ambitionierte Ziel nicht zu ambitioniert ist.

Nachhaltigkeitsziele, auf Englisch kurz SDGs (Sustainable Development Goals), heißt das Zauberwort - und diese SDGs sind die Fortsetzung der MDGs (Millennium Development Goals), der Jahrtausendziele.

Vor 15 Jahren hatten Politiker aus aller Welt unter anderem vereinbart, bis 2015 die Zahl der Hungernden und der Ärmsten - die von weniger als 1,50 Dollar am Tag leben - zu halbieren, allen Kindern eine Grundschulbildung zu geben und Kinder- und Müttersterblichkeit drastisch zu senken. Und tatsächlich: Viele dieser Jahrtausendziele wurden erreicht oder zumindest fast erreicht. Deshalb soll mit den SDGs jetzt nachgelegt werden.

In den nächsten 15 Jahren sollen Hunger und "die Armut überall auf der Welt und in jeder ihrer Formen" beseitigt werden. Weiter sollen alle Menschen sauberes Wasser und Zugang zu einer vernünftigen Toilette bekommen. Eine Benachteiligung von Frauen und Mädchen soll es nicht mehr geben, und jeder Mensch werde verlässliche, umweltschonende Energie nutzen können. "Ungleichheiten" zwischen den Staaten sollen abgebaut und weltweit Wachstum geschaffen werden. Industrialisierung ja, aber "in nachhaltiger Form".

Wie viel sind 15 Jahre? Das ist die Hälfte der Laufzeit der "Lindenstraße". In der Zeit sollen die größten Probleme der Menschheit einfach so weggefegt werden? "Ohne Frage sind diese Ziele ambitioniert", sagt Microsoft-Gründer und Philanthrop Bill Gates. "Die Hürden sind hoch. Aber wie wir in den vergangenen 15 Jahren gesehen haben, gibt es eine gute Chance auf Erfolg." Der Schub der MDGs müsse für die SDGs genutzt werden: "Noch nie in der Geschichte der Menschheit ist der Lebensstandard so vieler Menschen so sehr gestiegen wie seit 2000", argumentiert Gates.

Eines dabei ist neu: Diesmal ist nicht nur die Dritte Welt gefragt. Denn SDG heißt: Entwicklungsländer nach vorn bringen, entwickelte Länder auf "grün" trimmen.

"Wenn man die neuen Nachhaltigkeitsziele als Maßstab nimmt, sind alle Länder jetzt Entwicklungsländer", sagt Christian Kroll. Der Studienleiter der Bertelsmann-Stiftung hat alle OECD-Länder auf Nachhaltigkeit überprüft, und die in Umweltfragen selbstbewussten Deutschen kamen nur auf Platz sechs: die Landwirtschaft zu wenig Bio, der Naturschutz nicht ausreichend, und nur wenige produzieren mehr Müll als die Deutschen.

Die Hilfsorganisationen sehen auch soziale Probleme: Ohne Umverteilung könne es nicht gehen. "Wir können extreme Armut beenden, aber dafür müssen wir die Verteilungslücke zwischen den Reichen und dem Rest schließen", sagt Tobias Hauschild von Oxfam. Und auch Marwin Meier von World Vision sagt: "Das Armutsgefälle innerhalb von Ländern, auch mittleren Einkommens, muss stärker beachtet werden."

Alles bleibt natürlich eine Frage der Finanzierung. Es bleibt der Verdacht, dass die Millenniumsziele nur so erfolgreich waren, weil der Wohlstand in früheren Entwicklungsländern wie China und Korea nach oben schoss - Gates widerspricht dem vehement. Wenn das alles klappt, sind die nächsten 15 Jahre - nur ein Lidschlag in der Geschichte - vielleicht die wichtigste Epoche der Menschheit.