Die syrische Stadt Aleppo ist seit Langem schwer umkämpft, das Leben vieler Menschen zerstört. Aber auch das Stadtbild ist im Krieg erheblich beschädigt worden. Die Altstadt mit ihrer Zitadelle gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.

An der Universität in Cottbus arbeiten Wissenschaftler als Teil eines internationalen Netzwerks seit einiger Zeit auf die "Stunde null" nach dem Krieg hin. Sie wollen einmal beim Wiederaufbau Hilfestellung geben. Es gibt zugleich die Befürchtung, dass die internationale Bauindustrie mit ganz eigenen Interessen nach Syrien kommen könnte.

Identität der Städte retten

"Es gibt eine zweite Zerstörung", sagt der Professor für Denkmalpflege an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, Leo Schmidt, über manchen Umgang mit kriegszerstörten Städten in der Vergangenheit. Gemäß dem Motto "Weg mit dem Alten" habe es Stadtplaner, Architekten oder Investoren gegeben, die nach Kriegsende eigene Ziele verwirklichten. So etwas könne dazu führen, dass eine Stadt quasi noch einmal "zerstört" wird. Als Beispiel nennt Schmidt etwa das Ziel, eine Stadt möglichst autofreundlich zu machen - daran werde dann das einstige Stadtbild angepasst.

Wissenschaftler und Experten aus dem In- und Ausland diskutieren noch bis heute in Cottbus auf einer Fachkonferenz, wie man den Wiederaufbau einer zerstörten Stadt steuern kann und welche Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden können, um Kulturerbe zu retten, aber auch die Identität einer Stadt. Die Wissenschaftler kommen unter anderem aus Rom, Kairo, Belgrad und Sankt Petersburg. Schmidt stellt einen Punkt heraus: Die Bewohner direkt in die Planungen mit einbeziehen. "Man muss herausfinden, was die Bedeutung von Gebäuden für die dort lebenden Menschen ist." Denn häufig drehe es sich nicht - wie bei Weltkulturerbe - um den Wert des Bauwerks selbst. Bei vielen Häusern oder Bauten gehe es vielmehr um emotionale Werte, betont Schmidt - etwa, wo geheiratet wurde oder wo es Familienfeste gab. In Syrien drohe, dass es nach dem Krieg die internationale Bauindustrie dort hinziehe, sagt Schmidt. Diese verfolge dann möglicherweise wirtschaftliche und finanzielle Interessen, die an denen der Bewohner vorbeigehen könnten, so seine Befürchtung.

In dem internationalen Netzwerk aus Archäologen, Denkmalpflegern und Wissenschaftlern wird laut Schmidt zurzeit eine Art Werkzeugkasten erarbeitet, den Städteplaner und Stadtbürgermeister beim Aufbau eines zerstörten und beschädigten Ortes hinzuziehen können. Beinhalten soll das Konzept spezielle Leitlinien, an denen man sich orientieren könne.

Das Ganze soll dann im Internet abrufbar sein, wie Schmidt erläutert. Daneben entstünden auch Doktorarbeiten zum Thema Wiederaufbau in Syrien.

Uni gibt Erfahrungen weiter

Dass es Fachleute aus vielen Ländern zu Wochenbeginn nach Cottbus zu der Tagung gezogen hat, ist kein Zufall. Denn die Uni hat schon seit vielen Jahren einen guten Ruf, was das Fachwissen über Welterbestätten und kulturelles Erbe angeht.

An der Hochschule gibt es derzeit etwa zwei Masterstudiengänge. Der internationale Studiengang "World Heritage Studies" (Weltkulturerbe-Studien) existiert bereits seit 1999. Die Uni hat damit eine Nische gefunden, die Studenten aus vielen Ländern anzieht.

Seit 2013 gibt es zudem den Masterstudiengang "Heritage Conservation and Site Management" (Erhaltung und Management von Kulturerbe-Stätten). Er ist binational angelegt in Kooperation mit der Helwan University in Kairo. Die Studierenden gehen für eine gewisse Zeit an die jeweilige Partneruni. Die Nachfrage nach diesem Studiengang steigt, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin Susann Harder sagt. Derzeit seien 16 Studenten in Cottbus eingeschrieben und vier in Kairo.

Absolventen des Masterstudiengangs arbeiten Harder zufolge heute zum Beispiel als Inspektoren in Kairo bei Ausgrabungen oder im Museumsbereich. Die Fachkonferenz ist Teil dieses Studiengangs, sie findet im jährlichen Wechsel in Cottbus und in Kairo statt.