Sie wollen gute Arbeit leisten, wissen aber angesichts der hohen Belastung nicht immer wie. Laut der Dienstleistungsgewerkschaft verdi schieben die Beschäftigten in deutschen Krankenhäusern eine Million Überstunden vor sich her. "Die Menschen laufen alle auf dem Zahnfleisch", sagte Vorstandsmitglied Ellen Paschke. So jedenfalls ein Ergebnis einer am Mittwoch in Berlin vorgestellten Befragung der Gewerkschaft in 200 Krankenhäusern.

Wie groß ist der Personalmangel?
Hochgerechnet auf alle Kliniken in Deutschland fehlen nach Angaben von verdi 162 000 Vollzeitstellen, um eine gute Versorgung und gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten zu gewährleisten. Davon allein 70 000 in der Pflege. Neu war das Verfahren der Erhebung: Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern, Verwaltungsangestellte oder Auszubildende wurden als Experten in eigener Sache gefragt, wie viel Personal benötigt würde, um "gute Arbeit" machen zu können.

Was sind die Folgen fehlender Pfleger?
In den vergangenen 15 Jahren sei das Krankenhauspersonal um sieben Prozent verringert worden, während die Zahl der Patienten um 15 Prozent gestiegen sei, so Paschke. Jeder Patient habe schon einmal erlebt, wie gehetzt die Beschäftigten seien. Außerdem "ist es kein Geheimnis, dass Patienten auch schon mal auf dem Klo vergessen wurden". Solide Ausbildung sei kaum möglich, "die Menschen, die pflegen sollen, werden selbst krank", befand Paschke. Alarmierende Befunde seien beispielsweise für die Intensivstationen bereits 2012 durch das Pflegebarometer ans Tageslicht gekommen. So gaben von den Beschäftigten dort nur 55 Prozent an, dass sie Körperpflege bei Kranken immer durchführen könnten. Rund 69 Prozent räumten Mängel bei der Versorgung von Intensivpatienten mit Nahrung ein.

Wo sind die Engpässe noch groß?
Offenbar auch in der Psychiatrie. Zwar gebe es dort ebenfalls Instrumente und Vorgaben für ausreichend Personal. Unter dem allgemeinen Kostensenkungsdruck "werden sie aber unterlaufen oder ganz abgeschafft", erklärte Paschke. Als Beleg verwies sie auch auf Zahlen aus dem Jahr 2012: Damals habe eine Befragung von Personal- und Betriebsräten ergeben, dass bisweilen nur 75 Prozent der gesetzlich vorgeschriebenen Fachkräftezahl in psychiatrischen Krankenhäusern vorhanden sei.

Welche Ursache hat der Stellenengpass?
Laut verdi fehlen den Kliniken rund 56 Milliarden Euro. Verantwortlich dafür seien vor allem die Länder, die ihren Aufgaben nicht nachkämen. So sieht es auch das Bundesgesundheitsministerium: Gelder für notwendiges Personal würden "entzogen" oder "zweckentfremdet", hieß es am Mittwoch auf Nachfrage. Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) schrieb zudem 2011 jedes dritte Hospital rote Zahlen. Für 2013 rechneten 40 Prozent der 2045 Krankenhäuser mit einer Verschlechterung ihrer Situation.