September 2001 schüttelte der 28-jährige Marokkaner gestern immer wieder ungläubig den Kopf.
Der 3. Senat des Hamburger Oberlandesgerichts hatte mit 15 Jahren die höchstmögliche Strafe für Beihilfe zum Mord verhängt. Nach Überzeugung des Gerichts ist der Terrorist mitverantwortlich für den Tod von mehr als 3000 Menschen.
Richter Albrecht Mentz zeichnete in seiner fast zweistündigen Urteilsbegründung aus den Mosaiksteinchen der rund 30 Zeugenaussagen ein detailliertes Bild vom geheimen Wirken der Al-Qaida-Terrorzelle in Hamburg.
"Der Angeklagte war als Gehilfe in die Gesamtheit der Tat eingeweiht." Aufgabe Motassadeqs sei gewesen, den Terroristen um den Todespiloten Mohammed Atta "bei Bedarf den Rücken freizuhalten". Bei einer Reise in ein Al-Qaida-Camp nach Afghanistan habe er gar als Bote fungiert, um über den Stand der Attentatspläne zu berichten.
Der schmächtige Angeklagte mit dem penibel gestutzten Bart folgte den Ausführungen wie in den 29 Verhandlungstagen zuvor konzentriert - das Kinn meist in die Hand gestützt. Mentz suchte die Eigendarstellung Motassadeqs als Gewalt verabscheuender gläubiger Mensch zu widerlegen. Das hätten die Aussagen von Freunden und Mitstudenten mit "einer vernünftige Zweifel ausschließenden Sicherheit" getan.
Das Ende des Prozesses rief nochmals die internationalen Medien auf den Plan. Auf den Bänken des Saals 237 drängten sich rund 100 Journalisten aus aller Welt. Richter Mentz bat zu Beginn der Verhandlung sogar mehrere Polizisten in Zivil, ihre Plätze im Zuhörerraum zu räumen, um mehr Journalisten einzulassen. Nur zu Beginn des Prozesses am
22. Oktober hatte es einen ähnlichen Andrang gegeben.
Das zunächst erwartete Interesse an einer permanenten Berichterstattung war nach wenigen Tagen abgeebbt. Denn schnell war klar geworden, dass wenig Erhellendes über das Netzwerk Osama bin Ladens aus dem Gerichtssaal zu erwarten war.
"Letztlich ist Motassadeq im weltweiten Terrornetzwerk nur ein kleiner Fisch", räumte Stevenson Swanson von der amerikanischen Zeitung "Chicago Tribune" ein.
Auf Mutmaßungen, der Prozess stehe unter politischem Druck, ging Mentz in seiner bedächtig vorgetragenen Urteilsbegründung - der letzten vor seiner Pensionierung - nur am Rande ein. Die Weigerung der Geheimdienste, dem Gericht Aussageprotokolle des in Syrien inhaftierten mutmaßlichen Terroristen Ramzi Binalshibh zu überlassen, sei unter Sicherheitsaspekten verständlich. "Wir haben nicht den Eindruck, dass sich die Weigerung der USA gegen die Bundesrepublik oder das Gericht richtet."
Den Verteidigern, die eine Einstellung des Verfahrens wegen der fehlenden Aussagen des "wichtigsten Entlastungszeugen" Binalshibh gefordert hatten, nahm der Richter vorab den Wind aus den Segeln. Zwar sei es wahrscheinlich, dass der inhaftierte Terrorist eines Tages aussagen dürfe. Ob und wann das sein werde, stehe aber in den Sternen. Vor den Plädoyers hatten die Verteidiger darin noch einen wichtigen Revisionsgrund gesehen: "Man opfert den Angeklagten auf dem Altar der Staatsräson."