In diesem Jahr starben mit 2,9 Millionen Menschen mehr als je zuvor an den Folgen von Aids, berichtete der Regionaldirektor von UN-Aids, Bertil Lindblad, gestern in Berlin bei der Vorstellung des diesjährigen Aids-Statusberichts von UN-Aids und der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Insgesamt sind den Angaben zufolge 39,5 Millionen Menschen und damit 0,9 Millionen Menschen mehr als im vergangenen Jahr mit dem HI-Virus infiziert. Darunter sind 17,7 Millionen Frauen und 2,3 Millionen Kinder. Auch die Zahl der Neuinfektionen stieg an: von 4,1 Millionen im vergangenen Jahr auf 4,3 Millionen 2006. Die Hauptlast der Epidemie trägt weiterhin Afrika südlich der Sahara. Zwei Drittel aller HIV-Infizierten leben in der Region. Lindblad bezeichnete die Situation als sehr Besorgnis erregend. Die Epidemie habe in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Gesichter. So haben sich in Osteuropa und Zentralasien 67 Prozent der Betroffenen durch verunreinigte Spritzen beim Drogenkonsum infiziert. In Süd- und Süd-Ostasien haben sich 41 Prozent der Infizierten bei Prostituierten angesteckt, hieß es.
Auch in Deutschland insgesamt breitet sich die Aids-Epidemie weiter aus. Im ganzen Land hatten sich im Jahr 2005 insgesamt etwa 2600 Personen neu mit HIV infiziert. Im gesamten Bundesgebiet erlagen in den vergangenen 20 Jahren etwa 26 000 Menschen der Krankheit.
Berlin bleibt die Stadt mit den meisten HIV-Neuinfektionen in Deutschland: Jeden Tag steckt sich in der Hauptstadt mindestens ein Mensch mit dem gefährlichen Immunschwäche-Virus an, jede Woche sterben zwei Patienten an den Folgen von Aids, teilte die Berliner Aids-Hilfe gestern mit. Damit liegen die Ansteckungszahlen mit rund 450 gemeldeten Neuinfektionen Ende 2005 so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr, sagte Geschäftsführer Kai-Uwe Merkenich. Darunter waren nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts rund 400 Männer, 40 Frauen und weniger als fünf Kinder. An Aids neu erkrankt waren in der Hauptstadt im Jahr 2005 rund 100 Menschen, davon 90 Männer. Insgesamt lebten vergangenes Jahr in der Hauptstadt 7100 Menschen mit HIV/Aids. Jede Woche sterben in Berlin im Durchschnitt zwei Menschen an der Immunschwächekrankheit. Vergangenes Jahr starben hier rund 100 Aids-Kranke. Seit Ausbruch der Epidemie Mitte der 80er-Jahre sind in Berlin rund 4100 Menschen an Aids gestorben.
Besonders betroffen sind nach wie vor homosexuelle Männer. So haben sich 87 Prozent der Neuinfizierten in Berlin durch Sex unter Männern angesteckt. Gefährdet sind aber auch Heterosexuelle. Beim Sex zwischen Mann und Frau steckten sich zehn Prozent an. Auf Drogengebrauch sind drei Prozent der Neuinfektionen zurückzuführen. Die HIV-Übertragung von der Mutter aufs Kind lag im vergangenen Jahr bei weniger als einem Prozent der Fälle.
Merkenich führte die weitere Ausbreitung der HIV-Infektionen auf die zunehmende Sorglosigkeit beim Sexualverkehr zurück. Bei den Menschen habe nach nunmehr 20 Jahren Aids-Gefahr ein Gewöhnungseffekt eingesetzt. "Die Aufmerksamkeit schleift ab", sagte Merkenich. Viele glaubten auch, Aids sei durch neue Therapien heilbar. "Das ist ein fataler Irrtum", betonte der Experte. Die Medikamente könnten zwar den Ausbruch der Erkrankung um viele Jahre hinauszögern, später würden sie jedoch an Wirkung verlieren. "Aids ist nicht heilbar", warnte Merkenich.
Für die Aids-Hilfe bleibe daher die größte Herausforderung, über Ansteckungswege und Schutzmöglichkeiten aufzuklären. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene müssten in jeder heranwachsenden Generation neu über die Infektionsrisiken und Schutzmaßnahmen informiert werden. Der Wissensstand zur Aids-Gefahr sei bei jungen Leuten heute deutlich schlechter als vor zehn Jahren.