Bei einem Besuch al-Baschirs wären diese Staaten eigentlich verpflichtet, al-Baschir festzunehmen und nicht etwa als Staatsgast zu empfangen. Doch genau damit hätten viele Schwierigkeiten."Niemand behauptet, dass al-Baschir unschuldig ist", sagte etwa der kenianische Außenminister Moses Wetangula in einer ersten Reaktion. Doch einen anderen afrikanischen Staatschef an das Haager Gericht ausliefern, das will auch er nicht. Denn dies wäre etwas, was es bisher nicht gab. Zwar kann Afrika auf eine reiche Tradition von Diktatoren, Putschisten und mörderischen Regimen zurückblicken. Doch wenn sie nicht gerade blutig gestürzt werden oder selbst gewaltsam ums Leben kommen, können selbst Diktatoren einen beschaulichen Ruhestand verleben.Der "Schlächter Afrikas"So starb Idi Amin, der "Schlächter Afrikas", 2003 im saudi-arabischen Exil. Mobutu Sese Seko, der im damaligen Zaire (heute: Demokratische Republik Kongo) eine totalitäre Herrschaft errichtete und Milliardensummen an sich riss, starb 1997 als schwerreicher Mann in Marokko an Krebs. Siad Barre, der 1991 gestürzte somalische Diktator, ließ sein bitterarmes Land im Chaos zurück und starb 1995 in Nigeria. Der äthiopische Ex-Diktator Mengistu Haile Mariam, im vergangenen Jahr wegen Völkermords in Abwesenheit zum Tode verurteilt, lebt seit Jahren unbehelligt im Exil in Simbabwe. Sein "Gastgeber" Robert Mugabe, selbst nicht als Verfechter von Menschenrechten bekannt, wird ihn ebenso wenig ausliefern, wie es die Regierungen der übrigen Diktatoren im Ruhestand taten.Insofern hat nun Solidarität mit al-Baschir Tradition. Doch auch Eigeninteresse ist im Spiel. So mancher afrikanische Staatsmann hat auf dem Weg zur Macht oder beim Machterhalt Methoden angewandt, die geeignet sein könnten, das Interesse von ICC-Chefankläger Luis Moreno-Ocampo zu erregen. Niemand will der nächste sein, und so ist viel von einer Einseitigkeit des ICC die Rede, der nur afrikanische Tatverdächtige verfolge. Offiziell ist bei der Ablehnung des Haftbefehls gegen al-Baschir vor allem von Sorge um den Friedensprozess in Darfur die Rede. "Die Suche nach Gerechtigkeit sollte auf eine Weise verfolgt werden, die die Friedensförderung nicht gefährdet", warnte etwa Jean Ping, Vorsitzender der AU-Kommission.Heuchelei vorgeworfenDer Ghanaer Emile Short, Richter am UN-Tribunal zum Völkermord in Ruanda im tansanischen Arusha, hält dagegen: "Der Friede ist so lange nicht gekommen. Man darf ihn nun nicht als Vorwand nehmen, um Gerechtigkeit zu verhindern." Heuchelei hält der südafrikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu den afrikanischen Politikern vor. "Da die Opfer im Sudan Afrikaner sind, sollten die afrikanischen Führer die eifrigsten Unterstützer von Bemühungen sein, die Täter zur Verantwortung zu ziehen", sagte er dem katholischen Nachrichtendienst CISA. "Stattdessen stellen sie sich hinter den Mann, der diesen Teil Afrikas in einen Friedhof verwandelt hat."Unterdessen erhielt al-Baschir weitere prominente Rückendeckung. Unter anderen erklärten China und Russland am Donnerstag ihre Unterstützung für den Staatschef. Die Türkei will sich nach Angaben aus diplomatischen Kreisen für eine einjährige Aussetzung des internationalen Haftbefehls gegen den sudanesischen Präsidenten al-Baschir einsetzen. Das berichtete der türkische Fernsehsender NTV am Donnerstag.