Von Sonnenaufgang bis in den späten Nachmittag hinein hätten sie jeden Tag gearbeitet, erzählt der 19-jährige Rahmatullah. "Irgendetwas gab es immer zu tun." Es war die Zeit des Schlafmohnanbaus, die Rahmatullah und seinen Freunden im vergangenen Monat jede Menge Arbeit bescherte. Denn Schlafmohn wird zur Opiumproduktion angepflanzt. Besonders viel davon kommt aus Sangin, einem der am stärksten umkämpften Bezirke Afghanistans, gelegen in der südlichen Provinz Helmand.

Seit Juni hat es in Sangin eine Reihe von Taliban-Angriffen gegeben, unter anderem auf Polizeiposten. An manchen Attacken waren hunderte Kämpfer beteiligt. Helmand ist die Hochburg des Schlafmohns in Afghanistan. Rund 46 Prozent des afghanischen Opiums stammen von hier. Die nördlichen Gebiete der Provinz - da, wo auch mehr angebaut wird - hatten zuletzt einen Anstieg der Gewalt erlebt. Dort, wo er gearbeitet habe, habe die Regierung keinerlei Kontrolle, sagt Rahmatullah. Der junge Mann stammt aus Sangin, lebt aber mittlerweile mit seiner Familie in einem Flüchtlingslager bei Kabul.

"Ich bin dort für ein kurzfristiges Arbeitsverhältnis während des Anbaus hingegangen. Gearbeitet habe ich auf dem Feld eines Grundbesitzers", erzählt Rahmatullah. Im nächsten Jahr wolle er den Job wieder machen, sagt er. Umgerechnet rund 32 Euro hat ihm der dreiwöchige Arbeitseinsatz nach seinen Angaben eingebracht. Nicht viel, aber immerhin etwas.

Viele Arbeiter verdienen sich jedes Jahr während des Anbaus und der Ernte auf den Opiumfeldern etwas dazu. Die Behörden schätzen, dass rund eine halbe Million Afghanen im Zusammenhang mit dem Drogenanbau eine Beschäftigung finden. Das ist mehr als die Gesamtzahl der Sicherheitskräfte im Land.

Milliarden Dollar wurden in den vergangenen 13 Jahren für den Kampf gegen den Drogenanbau in Afghanistan aufgewendet, doch die Erfolge sind bescheiden. Tatsächlich wird so viel Schlafmohn wie nie angebaut. Das Land produziert gut 80 Prozent des Rohopiums weltweit, das der Grundstoff für Heroin ist.

"Wir sind gescheitert bei der Drogenbekämpfung", sagt Jean-Luc Lemahieu, Leiter des Bereichs Analyse und Politik im UN-Büro zur Bekämpfung von Drogen und Kriminalität (UNODC). "Wenn ein Element in den vergangenen zehn Jahren gefehlt hat, dann war es wohl der politische Wille."

Auch für die Taliban ist der Schlafmohnanbau eine wichtige Einnahmequelle. Der 38-jährige Dschuma Gul verließ sein Dorf in Sangin vor zwei Jahren, als die Taliban ihn aufforderten, sich ihrem Kampf anzuschließen. Er arbeitete damals für einen mächtigen Herrscher, der Gul und drei anderen Bauern ein Viertel der Opium-Erträge abtrat. Das machte für jeden rund 4,5 Kilo oder umgerechnet rund 240 Euro aus.

"In meiner Heimat läuft das Opium-Geschäft weiter, nun aber unter den Taliban", berichtet Gul. "Nur wer sie unterstützt, kann dort leben, wir also nicht." So wie in Sangin läuft es auch andernorts im Land, weiß die Abgeordnete Nilofar Ibrahimi aus der nordostafghanischen Provinz Badachschan. Der Anbau von Schlafmohn in Badachschan wuchs in diesem Jahr bereits um 77 Prozent, während sich die Zerstörung der Felder um die Hälfte verringerte.

Die Regierung handele zu halbherzig, wenn es darum gehe, gegen ranghohe Beamte vorzugehen, die am Drogenhandel beteiligt seien, sagt Ibrahimi. "Das Problem ist, dass wir nicht den grundlegenden Aspekt des Ganzen in Angriff nehmen - das mafiöse Netzwerk dieser Drogen-Industrie", sagt die Politikerin."Das Problem sind nicht die Bauern und Händler. Es sind vielmehr die Institutionen und Netzwerke, die hinter diesen stehen."