Bush und Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer warnten gestern kurz vor Beginn des zweitägigen Nato-Gipfels der Staats- und Regierungschefs vor einem Scheitern der Mission am Hindukusch und verlangten die im Bündnis verankerte Solidarität mit den Truppen im umkämpften Süden Afghanistans. Laut De Hoop Scheffer fehlen dort rund 2500 Mann.
De Hoop Scheffer kündigte die Entwicklung einer neuen Strategie für das Bündnis bis 2009 an. Die jetzige stammt aus der Zeit vor den Terroranschlägen auf die USA. Dieses "Grundsatzdokument" könne bei einem Gipfel zur Feier des 60. Jubiläums des Bündnisses beschlossen werden. Die Nato brauche diese Strategie auch für sich selbst, "denn wenn wir unsere politischen Prioritäten und Grenzen besser kennen, dann können wir besser den politischen Willen schaffen und die für den Erfolg nötigen Ressourcen bereitstellen."
Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte bei einem festlichen Abendessen zu Beginn des Treffens für eine "kluge Verbindung von Sicherheit und Wiederaufbau" werben und erneut klarstellen, dass Deutschland Soldaten nicht dauerhaft vom Norden in den Süden verlegen will. Es sei nicht angemessen, wenn die Deutschen den Norden vernachlässigten, um im Süden zu helfen. Bush sagte: "Das Bündnis ist auf einem klaren Prinzip gegründet worden. Der Angriff gegen einen ist ein Angriff gegen alle. Dieses Prinzip gilt unabhängig davon, ob der Angriff auf heimischen Boden erfolgt oder gegen unsere Truppen im Ausland." Er zählte die Soldaten Afghanistans, Großbritanniens, Kanadas, Dänemarks, der Niederlande, USA und Australiens sowie die Unterstützung durch Rumänien, Portugal und Estland auf. Deutschland erwähnte er in seiner Rede nicht.
US-Präsident Bush will, dass die Verbündeten Truppen stellen, die die Nato-Kommandeure anfordern. Alle Länder müssten bereit sein, auch "schwierige Aufgaben" zu übernehmen, damit die Mission ein Erfolg werde.

Der Nato-Generalsekretär drängte die Verbündeten, Einsatzhürden für ihre Soldaten in der Schutztruppe Isaf aufzuheben: "Solche Beschränkungen berauben die Kommandeure der Flexibilität, und sie untergraben unsere operative Effizienz." Er wollte von allen Gipfel-Teilnehmern eine Zusicherung, dass jeder Verbündete dem anderen in der Not - unabhängig von der geographischen Lage - hilft.
De Hoop Scheffer sagte, die Mission am Hindukusch sei zu bewältigen. Er ließ aber auch Befürchtungen vor einem Scheitern durchblicken, das die Nato in eine Krise stürzen könnte. Er unterstützte den Vorschlag des französischen Präsidenten Jacques Chirac, eine Afghanistan-"Kontaktgruppe" zu schaffen. (dpa/kr)