Mehr als sieben Jahre nach seinem Amtsantritt fällt Karsais Bilanz in weiten Teilen schlecht aus: Drogenanbau und Korruption blühen, das Land ist so unsicher wie nie seit dem Sturz der Taliban - Selbstmordkommandos gelang es in dieser Woche sogar, Ministerien inmitten der Hauptstadt Kabul anzugreifen. Holbrooke, als Mann der klaren Worte bekannt, dürfte Karsai deutlich machen, dass aus Washington nun ein anderer Wind weht. Die "New York Times" berichtete kürzlich über einen Vorfall, der ahnen lässt, dass das einst so harmonische Verhältnis nun mit US-Präsident Barack Obamas Mannschaft deutlich stürmischer wird. Bei einem Abendessen mit dem damaligen Senator und heutigen Vizepräsidenten Joe Biden habe Karsai vor einem Jahr das Korruptionsproblem in seiner Regierung heruntergespielt, schreibt das Blatt unter Berufung auf einen Teilnehmer an der Runde. Biden habe daraufhin gesagt: "Dieses Abendessen ist vorbei" - und sei gegangen.Tatsächlich ist Afghanistan inzwischen auf dem Korruptionsindex von Transparency International auf Platz 176 - von 180 Staaten. Auf einer anderen Liste belegt das Land dagegen seit Jahren den Spitzenplatz, doch eine gute Nachricht ist auch das nicht. Afghanistan ist zum weltweit größten Produzenten von Rohopium aufgestiegen, dem Grundstoff für Heroin. Mit Erlösen aus Schlafmohnanbau und Drogenhandel füllen die Taliban ihre Kriegskasse. Tausende Aufständische wurden in den vergangenen Jahren getötet, doch die Taliban wurden trotzdem immer stärker.Im vergangenen Jahr starben am Hindukusch fast 300 ausländische Soldaten - über viermal so viele wie 2002, dem ersten Jahr des Einsatzes. Inzwischen sind in Afghanistan mehr als 70 000 Soldaten aus mehr als 40 Ländern stationiert, trotzdem kommt es beinahe täglich zu Gefechten oder zu Anschlägen der Aufständischen. Ein weiteres Problem, das die Truppen nicht in den Griff bekommen, sind die zivilen Opfer. Holbrooke dürfte bei seinem Afghanistan-Besuch entsetzt vernommen haben, dass bei Gefechten zwischen australischen Soldaten und Taliban-Kämpfern erneut fünf Kinder getötet wurden. Die zunehmende Zahl der getöteten Zivilisten ist Wasser auf die Mühlen der Taliban-Propaganda, die die Ausländer als Besatzer darstellt. Zwar hat es im Bildungsbereich und in der Gesundheitsversorgung Fortschritte gegeben. Doch sie reichen nicht aus, um das Land zu stabilisieren. An der Misere ist Karsai, der sich im August für weitere fünf Jahre im Amt bestätigen lassen will, nicht alleine schuld. US-Sicherheitsberater James Jones, bis 2006 Nato-Oberbefehlshaber, räumte jetzt Fehler ein. Das Ausmaß der Probleme in der Region sei lange unterschätzt, der Aufbau von Polizei und Justiz vernachlässigt und die Drogenproduktion unzureichend bekämpft worden, sagte er. "Wir haben uns zu sehr auf den militärischen Teil konzentriert."