Es ist ein bisschen so, als ob man im Internet etwas bestellt oder eine Kfz-Versicherung abschließt: Nur dieses Mal geht es um die Gesundheit. Möglich macht es die Seite www.au-schein.de. Man klicke sich durch Fragen auf einem Formular. Wie hoch ist das Fieber? Verstopfte oder laufende Nase, Schüttelfrost, Husten, Heiserkeit? Wie lange fühlt man sich arbeitsunfähig?

Wenige Mausklicks später ist der virtuelle Arztbesuch erledigt. Wer werktags vor 10 Uhr bestellt, hat die AU bis 14 Uhr als PDF-Datei auf dem Handy. Neun Euro kostet der Service, Privatpartienten zahlen etwas mehr. Unterschrieben ist der Befund von einem Privatarzt aus Lübeck.

Ärztekammer: Keine gute Idee

Ob das mit Online-Portal so seine Richtigkeit hat, will die Sächsische Landesärztekammer nicht bewerten. Man überprüfe keine Geschäftsmodelle auf ihre rechtliche Zulässigkeit. Aber für eine gute Idee hält die Kammer es nicht. Der Arzt unterliege laut der Arbeitsunfähigkeitsrichtlinie einer besonderen Sorgfaltspflicht. Die sei unter Umständen bei dieser Form einer AU nicht gegeben. „Behandelnde Ärzte müssten also zunächst der Überzeugung sein, dass eine Diagnosestellung allein durch per App übermittelte Angaben anhand einer Auswahlliste von Symptomen ärztlich vertretbar ist und dazu bei einer Erkältung keine weiteren Untersuchungen oder Rückfragen beim Patienten erforderlich sind“, erklärt Sprecher Knut Köhler.

Die Brandenburger Kollegen sehen das ähnlich kritisch: Bei Vertragsärzten (gesetzlich Versicherte) seien solche Fern- und Selbstdiagnosen rechtlich unzulässig und brauchen vom Arbeitgeber nicht anerkannt zu werden. „Solche Zurückweisungen von Arbeitgebern sind uns auch schon bekannt geworden“, berichtet Simone Groß, die Büroleiterin des Kammer-Präsidenten. Und im privatärztlichen Bereich – so wie im geschilderten Fall – könne der Krankenschein unwirksam sein und der Arzt berufsrechtlich belangt werden.

Zudem weisen beide Kammern auf eine „Nebenwirkung“ dieses medizinischen Geschäftsmodells hin: Eine Selbstdiagnose birgt langfristig immer die Gefahr, dass ernsthafte Krankheiten übersehen werden und es zu Spätfolgen mit langwierigen Behandlungen kommt.

Unternehmen skeptisch

Deshalb wohl auch legt die Stadtverwaltung Cottbus Wert darauf, dass ihre Angestellten bei Beschwerden einen Arzt aufsuchen. So formuliert es Stadtsprecher Jan Gloßmann. Mit anderen Worten: So richtig glücklich wäre man mit solchen Krankschreibungen nicht. „Ein Schein aus dem Internet scheint ja nicht die richtige Lösung für gesundheitliche Probleme zu sein.“

Die Stadt Cottbus räumt ihren Mitarbeitern ohnehin ein bis zwei flexible Tage im Jahr ein, an denen sie ohne Krankenschein zu Hause bleiben können. Denn, so Gloßmann, manchmal reiche es, sich einen Tag im Bett und zu Hause auszuruhen statt sich in ein übervolles Wartezimmer zu schleppen und dort stundenlang zu warten. Wenn der Mitarbeiter dann am nächsten Tag wieder frisch und munter auf der Arbeit erscheine, sei am Ende allen mehr geholfen.

Bei Reinert Logistik in Schleife ist der Krankmeldeprozess klar geregelt: „Bei uns melden sich die Mitarbeiter telefonisch beim Geschäftsführer, innerhalb von drei Tagen muss der Krankenschein vorliegen“, erläutert Claudia Krahl, für das Betriebliche Gesundheitsmanagement zuständig. Wie das Speditionsunternehmen mit aktuell 1200 Mitarbeitern auf einen Krankenschein mit einer Unterschrift eines Lübecker Arztes reagiert? Solch einen Fall gab es ja noch nicht.

Claudia Krahl: Man müsste schauen, wo der Mitarbeiter tatsächlich wohnt, Reinert Logistik habe ja auch eine Niederlassung in Bremerhaven. Aber wenn ein Mitarbeiter aus Weißwasser oder Spremberg mit solch einem Schein komme, „würden wir dem sicherlich nachgehen“, sagt sie. Auch, wenn so ein Schein öfter für einen Freitag oder einen Montag abgegeben würde.

Sachsens Ärztekammer-Sprecher Köhler spricht aus, was der Arbeitgeber dann denken könnte: Der Eindruck von „blau machen“ könnte entstehen.