Spitzenvertreter der Ärzte- und Krankenhausverbände warnten, die Reform führe zu staatlicher Zuteilungsmedizin. "Die Patienten sind die Verlierer", sagte Bundesärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe in Berlin. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) kritisierte die Proteste scharf und warnte vor einer Eskalation.Wenn Patienten wegen der Aktionen nicht "wohnortnah" versorgt werden könnten, sei das eine Pflichtverletzung, die von der Selbstverwaltung sanktioniert werden müsse, sagte ihr Sprecher Klaus Vater in Berlin. Eine bloße Notfallversorgung reiche nicht aus. Ein Recht zum Widerstand oder zum Boykott stehe den Kassenärzten wegen der geplanten Honorarreform nicht zu und könne von der Regierung auch nicht hingenommen werden. Schmidt hatte es als ärgerlich bezeichnet, "wenn Patienten oder kranke Menschen in Geiselhaft genommen werden für Forderungen nach mehr Geld". In Nordrhein-Westfalen blieb am Morgen mindestens die Hälfte der rund 30 000 Arztpraxen geschlossen. In anderen Ländern war der Protest ebenfalls deutlich spürbar.

In Brandenburg war die Schließung von 80 Prozent der Praxen angekündigt. Insgesamt seien mehr als 1500 Menschen zu Kundgebungen in Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder) gekommen, hieß es von Ärzte-Vereinigungen.

Auch sächsische Ärzte haben sich am Montag den bundesweiten Protesten gegen die geplante Gesundheitsreform angeschlossen. Zum Aktionstag "Patient in Not - diese Reform schadet allen" ließen 40 HNO-Ärzte in Dresden und Leipzig sowie 30 Hausärzte in Görlitz und Zittau ihre Praxen zu. Sie wollten den Patienten zeigen, wie die Lage nach der geplanten Gesundheitsreform aussehen könnte, teilte das "Bündnis Gesundheit 2000" mit. Die Apotheken blieben - anders als in anderen Bundesländern - offen.

Im Südwesten standen Patienten wegen des Protesttages der Mediziner vielfach vor geschlossenen Türen. Auch sächsische Ärzte schlossen sich den Protesten an. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg beteiligten sich dort bis zu 6000 Ärzte an den Aktionen.

Hoppe kritisierte, die Reform werde die Unterfinanzierung des Gesundheitssystems verstärken und damit den Zwang zur Rationierung medizinischer Leistungen. Er forderte, auch Beiträge auf Zinsen und Mieteinnahmen zu erheben. Er hoffe noch auf Änderungen im bevorstehenden parlamentarischen Verfahren. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, sagte, die neue Honorarstruktur sei auch zeitlich nicht wie von der Regierung geplant umsetzbar. Der Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Frank Ulrich Montgomery, bezeichnete die Reform als "riesigen politischen Irrtum". Die Deutsche Krankenhausgesellschaft nannte den geplanten Sparbeitrag von einem Prozent verfassungswidrig und kündigte Klage an.