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Ärzte ohne Grenzen kritisieren Versagen der Weltgemeinschaft bei Ebola-Katastrophe

Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen beklagt, dass durch frühere Hilfe Tausende Menschen hätten gerettet werden können.
Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen beklagt, dass durch frühere Hilfe Tausende Menschen hätten gerettet werden können. FOTO: dpa
Berlin. Solange es keinen Impfstoff gibt, wird jeder zweite Patient an Ebola sterben. Mehr Forschung nach Vakzinen und Medikamenten fordern Ärzte ohne Grenzen deshalb als Konsequenz aus der Tragödie in Westafrika. Andrea Barthélémy

Bei der Ebola-Epidemie in Westafrika mit mehr als 10 000 Toten hat die internationale Gemeinschaft nach Ansicht der Organisation Ärzte ohne Grenzen kläglich versagt. In Zukunft müsse humanitäre und medizinische Hilfe sehr viel schneller und flexibler werden. "Man muss es so deutlich sagen: Durch frühere und effektivere Hilfe hätten viele Tausend Menschen vor Ebola geschützt und gerettet werden können", sagte Tankred Stöbe, Präsident von MSF (Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen) Deutschland. Der Ernst der Lage sei von Politik und auch WHO zu lange verkannt worden.

Um für künftige Notlagen besser gewappnet zu sein, müsse auch die Forschung zu Ebola und anderen vernachlässigten Krankheiten verstärkt werden. Einen solchen Fonds solle Deutschland im Rahmen der G7-Präsidentschaft auf den Weg bringen, forderte Stöbe.

Am Dienstag zog die Hilfsorganisation auf ihrer Frühjahrskonferenz in Berlin gemeinsam mit Politikern, Forschern und humanitären Helfern eine kritische Bilanz des Ebola-Einsatzes.

Das Fehlen von Medikamenten und Impfstoffen bleibt demnach das grundlegende Problem. Zwar liefen einige klinische Studien, doch definitive Ergebnisse gebe es noch keine. "Man kann nicht innerhalb kürzester Zeit die jahrzehntelangen Versäumnisse bei Forschung und Entwicklung aufholen", kritisierte Philipp Frisch, Koordinator der MSF-Medikamentenkampagne.

Florian Westphal, Geschäftsführer der Ärzte ohne Grenzen in Deutschland, betonte: "Auch für Ärzte ohne Grenzen ist dieser Ausbruch eine der größten Herausforderungen unserer Geschichte. Wir hatten zu Beginn der Epidemie nur eine begrenzte Zahl an Mitarbeitern, die Erfahrung mit Ebola hatten. Wir haben dann Hunderte Mitarbeiter geschult, sind aber trotzdem irgendwann an unsere Grenzen gestoßen."

Der Arzt und Koordinator der Ebola-Task-Force in Liberia, Moses Massaquoi, bestätigte in Berlin, wie verzweifelt der Kampf gegen die Erkrankung vor allem in den ersten Monaten ohne internationale Unterstützung gewesen sei: "Das war für uns wie ein Tsunami." Über Monate hinweg hatte die Organisation die medizinische Nothilfe in Sierra Leone, Guinea und Liberia fast alleine gestemmt, zeitweise waren 4500 MSF-Mitarbeiter im Einsatz.

Zum Thema:
Auf dem Höhepunkt der verheerenden Ebola-Epidemie in Westafrika standen weder zugelassene Medikamente noch vorbeugende Impfstoffe zur Verfügung. Mittlerweile wird dafür an breiter Front geforscht, erste vielversprechende Impfstoff-Kandidaten gibt es bereits. In Liberia startete kürzlich ein großangelegter Test. Zehntausende Menschen sollen mit dem in Kanada entwickelten Impfstoff VSV-ZEBOV oder dem Mittel cAd3-EBOZ der britischen Firma GlaxoSmithKline (GSK) geimpft werden. Beide Impfstoffe basieren auf Trägerviren, denen ein Stück Erbmaterial des Ebola-Erregers eingefügt wurde. Nach der Impfung präsentieren bestimmte Zellen die viralen Proteine auf ihrer Oberfläche, so dass die Immunabwehr Antikörper bildet. Im Ernstfall reagiert das Immunsystem dann so rasch und heftig, das die Infektion niedergerungen werden kann. Viele gängige Impfstoffe basieren auf diesem Mechanismus.