Lydias Eltern haben lange überlegt, ob sie ihrem Kind die Umschulung zumuten wollen. „Schließlich sind wir ja dafür, dass die Kleinen rechtzeitig Toleranz lernen und auch mit Gleichaltrigen zu tun haben, die mit besonderen Schwierigkeiten kämpfen. Aber wenn die Lehrer nur noch Zeit haben für Kinder mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS, mit Sprachstörungen oder Rechtschreibschwäche, kommt unsere gesunde, ehrgeizige Tochter irgendwann völlig zu kurz.“

Schulverweigerung, Aggression
Lydias Eltern stehen nicht allein mit ihrer Angst. Denn die „normale“ Schulbiografie scheint fast schon die Ausnahme zu sein. Drei bis fünf Prozent aller Schüler in der Lausitz und im Elbe-Elster-Land leiden unter der als „Zappelphillip-Syndrom“ bekannten Störung ADHS. Bei weiteren vier bis fünf Prozent fordern Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Rechenschwäche die besondere Aufmerksamkeit der Pädagogen. In den höheren Jahrgängen kommen dazu Probleme mit Schulverweigerern, depressiven Jugendlichen, Alkoholmissbrauch oder Selbstverletzungen, Aggressionen, hoch begabten aber sozial wenig kompetenten Schülern. Margret Bodenschatz koordiniert den Schulpsychologischen Dienst im Schulamtsbereich Cottbus. Mit derzeit vier Kollegen betreut sie, aufgeteilt nach Territorien, die Schulen in der Stadt Cottbus, im Spree-Neiße-, Elbe-Elster- und Oberspreewald-Lausitzkreis. „Wir werden verstärkt mit Fällen überhäuft“ , sagt sie, „es kann schon passieren, dass Eltern, Schüler oder Lehrer acht Wochen warten müssen, bis sie einen Termin bei uns kriegen.“
Rund 150 Fälle bearbeitet jede Psychologin jährlich. Die Bedürfnisse der Ratsuchenden sind vielfältig. Margret Bodenschatz: „Vom ABC-Schützen bis hin zur Oberstufe haben Eltern ganz stark den Wunsch, die optimale Schulausbildung für ihr Kind rauszuholen, da gibt es mittlerweile keine Unterschiede mehr zu Großstädten wie Hamburg oder Köln.“ Nur die Möglichkeiten in der Lausitz seien eben andere als in der Großstadt, ergänzt Schulpsychologin Birgit Groß. „Für sehr gut begabte Kinder oder solche, die intelligent sind aber unter ADHS leiden, müssen wir schon sehr genau gucken, wie wir sie bestmöglich fördern können.“
Auch im Bereich des Regionalschulamtes Bautzen nimmt die Schullaufbahnberatung einen großen Raum in der Arbeit der Schulpsychologen ein. Behördensprecher Mathias Peter: „Wobei es uns sogar lieb ist, wenn die Eltern uns frühzeitig um Rat bitten. Gerade, wenn es um Bildungsabschlüsse an den Mittelschulen geht, können Familien oft nur schwer einschätzen, ob ihr Kind eher für den Haupt- oder den Realschulabschluss geeignet ist.“
Dabei, wie auch bei allen anderen Problemfällen, sei die enge Zusammenarbeit mit Lehrern, Eltern oder auch dem gesamten Klassenverband entscheidend. Oft aber, so Margret Bodenschatz in Cottbus, sei der Schulpsychologische Dienst nur der Weichensteller hin zu einer weiteren Beratung bei Therapeuten, dem Jugendamt oder dem Sozialpädiatrischen Zentrum des Carl-Thiem-Klinikums. Denn häufig treibt ein ganzes Bündel von Problemen die Kinder in die Krise: Trennungen der Eltern, nicht verkraftetete Arbeitslosigkeit, Pubertätsstörungen.

Signale der Kinder beachten
„Gerade in dieser Umbruchphase ist es enorm wichtig, dass Eltern sorgfältig auf die Signale ihrer Kinder achten. Natürlich ist es normal, dass sich Heranwachsende mal zurückziehen oder auffällig verhalten. Oft aber bleiben unter dem Deckmantel der Pubertät ernsthaftere Probleme unerkannt.“
Häufiger als früher werden die Psychologinnen mit großen Ängsten, Depressionen, Selbstmordgedanken oder ernsten Essstörungen konfrontiert, oft auch bei jungen Männern. Treffen dann in einer Klasse mehrere „Problemfälle“ aufeinander, sind Lehrer allein oft überfordert.
Eine Entspannung der Situation erhoffen sich die Psychologinnen vom Ausbau der Ganztagsschulen. Margret Bodenschatz: „Die Hausaufgabenbetreuung, die Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung gerade im ländlichen Raum, all das nimmt viel Druck aus den Familien heraus.“ Wobei sich auch Eltern über ihre Verantwortung im Klaren sein müssen. „Kinder“ , so Birgit Groß, „die sich daheim vom Fernseher oder Computer berieseln lassen, die in ihrer Freizeit nur passiv konsumieren, tun sich schwer, wenn sie sich in der Schule Mühe geben müssen. Wenn ihnen aber zu Hause vorgelebt wird, dass Anstrengung auch Freude und Belohnung bringt, haben sie es im Unterricht bedeutend leichter.“

hintergrund Hilfe in einer Krisensituation
34 Schulpsychologen gibt es in den sechs Schulamtsbezirken Brandenburgs, entsprechend der Gesamtschülerzahl kommt ein Psychologe auf 10 000 Schüler.
Im Bereich des Regionalschulamtes Bautzen sind fünf Diplompsychologen zuständig für rund 70 500 Schüler (14 000 Schüler pro Psychologe). Im Deutschland-Schnitt betreut ein Schulpsychologe 15 000 Schüler.
Schulpsychologen sollen „kurzzeitige Hilfen“ im Rahmen einer Krisenintervention bieten. Sie beraten die Schulen im vorbeugenden Sinne, aber auch bei der Konfliktbewältigung und beim Umgang mit Schülerinnen und Schülern, die Störungen im Verhalten oder beim Lernen offenbaren.
Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens sind nach Angaben des Brandenburger Bildungsministeriums Schwerpunkte der Betreuung. Auf sächsischer Seite werden Schullaufbahnberatung, Bewältigung von Schulangst und Intervention bei Suizid, Mobbing und Gewalt genannt.