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| 01:04 Uhr

Ältere Ostdeutsche leben zufrieden

Der jüngste „Sozialreport“ des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg (SFZ) zur Lage der 50- bis unter 65-Jährigen in Ostdeutschland kommt zu dem Schluss, dass die Haltung der Neubundesbürger nicht vorrangig durch ein Anspruchsdenken, wohl aber durch ein starkes Gerechtigkeitsempfinden geprägt sei. Insgesamt sei der Großteil mit seinem Leben zufrieden, ergab die Studie. Nur 18 Prozent der Befragten erklärten, ihr Leben verlaufe nicht ihren Wünschen entsprechend. Unterdessen wies die rot-grüne Regierung Vorwürfe, die Ostdeutschen hätten ein zu ausgeprägtes Anspruchsdenken, zurück. Von Stefan Vetter

Gunnar Winkler, Präsident des größten ostdeutschen Seniorenverbandes „Volkssolidarität“ , in dessen Auftrag die Studie entstand, bescheinigte der Bevölkerungsgruppe der 50- bis 65-Jährigen eine hohe allgemeine Lebenszufriedenheit. Insgesamt seien nur 18 Prozent mit ihrem Leben unzufrieden beziehungsweise sehr unzufrieden.Den höchsten Zufriedenheitsgrad ermittelten die Forscher bei den persönlichen Wohnverhältnissen (84 Prozent). Am geringsten ist die Zufriedenheit in Sachen soziale Gerechtigkeit (drei Prozent). Hier spielen offenbar die in der DDR verinnerlichten Erfahrungen auch weiterhin eine tragende Rolle. Den Honecker-Staat wünschen sich allerdings nur 14 Prozent der Ostdeutschen zwischen 50 und 65 zurück. 71 Prozent lehnen dankend ab, fühlen sich aber auch nicht als „richtige Bundesbürger“ .

27 Prozent ohne Job
Ein Hauptgrund dafür ist die besonders prekäre Lage auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt. 27 Prozent der 50- bis 65-Jährigen gelten als arbeitslos. Zum Vergleich: Die allgemeine Arbeitslosenquote im Osten liegt derzeit bei „nur“ 18,5 Prozent (Westen: 8,7 Prozent). Nicht einmal jeder Zweite (41 Prozent) unter den 50- bis 65-Jährigen steht noch in einem Arbeitsverhältnis. Jeder Fünfte davon ist auf Teilzeit oder eine geringfügige Beschäftigung angewiesen.
Fast jeder Dritte der 50- bis 65-Jährigen (31 Prozent) ist bereits in Rente beziehungsweise in Altersteilzeit. Unter dem Strich seien schon 15 Prozent dieser Altersgruppe von Armut betroffen. „Es ist die Generation, die mit hohen Erwartungen in die Wende ging, die nicht nur eine hohe Integrationsbereitschaft hatte, sondern auch eine hohe Integrationsfähigkeit besaß, aber über die schlechtesten Integrationsbedingungen verfügt“ , resümierte Winkler.

Hilsberg: Bogen nicht überspannen
Unterdessen stieß Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) mit seiner Warnung vor einem zu hohen Anspruchsdenken in den neuen Ländern auf Widerspruch bei SPD und Grünen. „Böhmer beklagt jetzt, was Politik selbst erzeugt hat“ , kritisierte der Sprecher der ostdeutschen Sozialdemokraten im Bundestag, Stephan Hilsberg, gegenüber der RUNDSCHAU. Besonders in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung seien „überzogene Erwartungen“ bei der Angleichung der Lebensverhältnisse geweckt worden. Böhmers Äußerungen vom Wochenende, im Osten dürfe der Bogen nicht überspannt werden, sei eine „unzulässige Pauschalisierung“ , meinte Hilsberg.
Ähnlich argumentierte der Sprecher der ostdeutschen Grünen-Abgeordneten im Bundestag, Peter Hettlich: Nicht die Bevölkerung in den neuen Ländern, sondern die Ost-Ministerpräsidenten selbst hätten Anspruchsdenken verinnerlicht. „Das bestätigt sich leider immer wieder, wenn sie bei wichtigen Verhandlungen in quasi letzter Minute finanzielle Forderungen aufmachen“ , sagte Hettlich.
Zur ebenfalls neu aufgeflammten Diskussion über die Abschaffung des Solidaritätszuschlags äußerte sich der Chef der Volkssolidarität pragmatisch: Im Rahmen eines sozialen Reformpakets dürfe es keine Tabus geben. Er wehre sich aber gegen „Einzellösungen“ . Nach Ansicht von Ost-Grünen-Sprecher Hettlich mache ein Abbau der Abgabe auf die Lohn- und Einkommenssteuer keinen Sinn, so lange es im Osten zu wenig Unternehmen gebe und die Arbeitslosigkeit deshalb besonders hoch sei. Die „Bild“ -Zeitung hatte den Ost-Beauftragten der Bundesregierung, Manfred Stolpe (SPD), gestern mit einer früheren Bemerkung zitiert, wonach die Fortzahlung des Solidarzuschlags bis zum Auslaufen des Solidarpakts im Jahr 2019 „keine Automatik“ darstelle.