Mehr noch: Auch das immer wieder kolportierte Bild vom "kippenden" Osten, dessen Bewohner klagen, jammern und schwarz sehen, ist falsch.
Nun verfolgen Parteien natürlich Interessen, wenn sie Umfragen in Auftrag geben. Sie wollen damit punkten, selbst Politik machen, Stimmungen beeinflussen. Vielleicht wäre diese Erhebung, wenn sie anders ausgegangen wäre, in den Panzerschrank des Potsdamer Regine-Hildebrandt-Hauses gewandert. Trotzdem dürften die Ergebnisse unterm Strich ein Beleg dafür sein, dass Brandenburg tatsächlich einen mentalen Sprung gemacht hat, dass es einer "erfolgreichen" Mehrheit der Bevölkerung heute besser geht - es aber eben auch eine stabile, eher frustrierte Minderheit gibt. Galt die vor 18 Jahren untergegangene DDR unter Soziologen als eher homogene Gesellschaft, bilden sich auch in Brandenburg immer stärkere soziale Unterschiede heraus. Das mag man bedauern, das birgt Spannungen. In westlichen Industrieländern gehört es zur Normalität.
So geben 53 Prozent der Befragten an, dass sich ihr Lebensstandard in den letzten Jahren "deutlich verbessert" hat. Immerhin jeder dritte Brandenburger (32 Prozent) schätzt ein, dass seine eigene finanzielle Lage "im Vergleich zu den meisten Leuten in den neuen Ländern" besser sei. 1993 waren noch 17 Prozent dieser Auffassung. Und 66 Prozent glauben, dass ihr Job "voll und ganz" oder "eher" sicher ist. Jeder fünfte Brandenburger rechnet sich heute sogar zur "oberen Mitte" im Land, 58 Prozent zählen sich zur "Mitte der Gesellschaft". Das sind die Erfolgreichen, die Wende-Gewinner - sie dominieren. Zu den Verlierern, zur "unteren Mitte" zählen sich 13 Prozent, zur "Unterschicht" danach fünf Prozent. Und die Grenzen sind durchaus fließend. So sind trotz gewachsenen Lebensstandards d urchaus Ängste verbreitet. So macht jeder Zweite keinen Hehl aus seiner Sorge, den "Lebensstandard künftig nicht halten zu können".
59 Prozent der Brandenburger schätzen ein, dass sie nach der deutschen Einigung in der neuen Gesellschaft inzwischen "völlig" oder "eher" angekommen sind. Immerhin 16 Prozent trauern der DDR nach, sagen von sich, dass sie "nie richtig ankommen werden", wobei dies insbesondere für Ältere gilt. Bei 18- bis 24jährigen liegt der Anteil nur bei ein Prozent, bei über 60jährigen hingegen bei 23 Prozent, bei PDS-Anhängern bei 54 Prozent.

"Gleichberechtigung" vorn
Aufschlussreich für die Stimmung im Land ist auch, welche Werte den Brandenburgern eigentlich wichtig sind: An der Spitze der Rangliste stehen danach "Gleichberechtigung" und "Solidarität", gefolgt von der Preußentugend "Pflichterfüllung", dann kommt auf Platz Vier "Toleranz" - Selbstbild und Realität müssen nicht immer deckungsgleich sein. Es folgt "Ordnung". Am Ende der Skala rangieren "Gewinnstreben" und "Religiosität/Glaube", Kapitalismuskritik und Kirchenferne - das Erbe der DDR wirkt hier nach.
Alles in allem meinen die meisten nach der Umfrage, dass sich das Land in die richtige Richtung entwickelt, nämlich 66 Prozent. Selbst 53 Prozent der PDS-Anhänger sehen das so. Und sogar in den strukturschwachen berlinfernen Regionen stimmen 75 Prozent der zweckoptimistischen These zu: "Es gibt zwar Probleme, aber wir schaffen das schon." Im Speckgürtel sind es mit 78 Prozent auch nicht viel mehr.

SPD in allen Umfragen stabil
Es verwundert nicht, dass die SPD all die Zahlen als Beleg dafür wertet, dass der Kurs der "Erneuerung aus eigener Kraft", den Regierungschef Matthias Platzeck vor zwei Jahren einleitete, von den Brandenburgern angenommen wird. Zumindest spricht dafür, dass die SPD in allen Umfragen stabil vorn liegt. Wäre es anders, käme auch Platzeck kaum auf ungebrochene Spitzen-Popularitätswerte. Weder sein Rücktritt als SPD-Bundesvorsitzender, sein Körper streikte nach Überlastung, noch diverse Pannen und Affären seiner Regierung haben daran etwas geändert, im Gegenteil. "Die Werte sind besser als die von Willy Brandt in seinen besten Tagen", sagte Generalsekretär Klaus Ness.
Nach der Umfrage halten 78 Prozent der Brandenburger Platzeck für "glaubwürdig" - sieben Prozent mehr als im Februar 2004. Für 74 Prozent - neun Prozent mehr als damals - ist er ein "guter Ministerpräsident". 82 Prozent meinen, dass Platzeck "die Probleme der Menschen hier versteht." Auffällig schwächer fällt der Wert bei einer anderen Frage aus: 65 Prozent der Brandenburger halten Platzeck für "führungsstark" - dennoch: Anfang 2004 waren das freilich nur 53 Prozent.