Stolz verkündete Verbraucher-Staatssekretär Alexander Müller gestern erste Erfolge im Kampf gegen Acrylamid: Vereinzelt konnten die Werte des Krebs erregenden Stoffes in Knäckebrot und Kartoffelchips drastisch reduziert werden.
Doch das hilft dem Verbraucher erstmal kaum. Denn sagen, welche Produkte nun weniger von dem Gift enthalten, darf Müller nicht. Der Grund: Noch immer gibt es kein Verbraucherinformationsgesetz, das Müller oder den Behörden erlauben würde, Ross und Reiter zu benennen.
Für besorgte Verbraucher besonders ärgerlich: Nur bei einzelnen Herstellern sind die Acrylamid-Werte drastisch gesunken, manche kooperieren gar nicht mit Bund und Ländern und warten erstmal ab. Das Ministerium kann bei Chips und Knäckebrot also überhaupt keine Entwarnung geben. Letztlich entscheidet beim Griff ins Regal weiterhin der Zufall, ob Produkte mit hohem oder mit niedrigem Acrylamid-Gehalt im Einkaufskorb landen.
Und das gilt kurz vor Weihnachten auch für Lebkuchen und Plätzchen. Acrylamid findet sich zudem in etlichen anderen Lebensmitteln wie Bratkartoffeln, Kaffee und Popcorn. Zwar liegen im Ministerium und bei den Ländern die Resultate aus knapp 1000 Lebensmittelproben vor, doch auch hier gilt: Der Verbraucher bekommt die Ergebnisse nicht. Dabei dürften ihn die interessieren. Die Untersuchung förderte zu Tage, dass die Lebensmittel mancher Produktgruppen völlig unterschiedlich Acrylamid-belastet sind. So liegt etwa bei Pommes Frites der niedrigste gemessene Wert bei 20 Mikrogramm pro Kilogramm Fritten. Prüfer fanden aber auch Pommes Frites, die mit 3920 Mikrogramm pro Kilogramm fast die 200-fache Konzentration aufwiesen.
Mit dem Verbraucherinformationsgesetz hätte das Ministerium die Ergebnisse mit den Produkt- und Herstellernamen nun einfach ins Internet stellen können - doch im Juni wurde das zentrale Reformvorhaben von Rot-Grün trotz des zu der Zeit schwelenden Nitrofen-Skandals zu Grabe getragen. Mit ihrer Mehrheit im Bundesrat brachte die Union das Gesetz drei Monate vor der Bundestagswahl zu Fall. Nicht nur Politiker von SPD und Grünen meinten, dass der Verbraucherschutz in den Mühlen des Wahlkampfs zermahlen wurde.
Nach der Neuregelung, so wollte es die rot-grüne Regierung, sollte statt des unmündigen Kunden am Ende der informierte Konsument stehen. Jeder Verbraucher sollte unter bestimmten Voraussetzungen das verbriefte Recht auf Zugang zu Informationen über Lebensmittel und bestimmte andere Produkte bei Behörden haben. Und: Behörden hätten erstmals von sich aus die Öffentlichkeit vor konkreten Produkten warnen dürfen, wenn ein "ausreichender Verdacht" auf Risiken vorliegt.
Nach dem rot-grünen Sieg bei der Bundestagswahl hat Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) eine Neuauflage des Verbraucherinformationsgesetzes angekündigt. Die grüne Ministerin wird nicht müde, an die Union zu appellieren, die Reform diesmal in der Länderkammer passieren zu lassen. Doch trotz BSE, Nitrofen und Acrylamid: Chancen werden dem Gesetz kaum eingeräumt.