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| 17:40 Uhr

Gepanscht und ausgetauscht
Abzockmaschen in der Gastronomie

In Köln mussten sich vor zwei Jahren zwei Bierbetrüger vor Gericht verantworten. Statt Kölsch (Foto) hatten sie minderwertiges Bier abgefüllt und ausgeliefert. Derzeit sorgen Betrugsvorwürfe bei den Mineralquellen Bad Liebenwerda für Aufsehen. Mitarbeiter sollen sich des Pfandbetrugs schuldig gemacht haben. Die Ermittlungen laufen.
In Köln mussten sich vor zwei Jahren zwei Bierbetrüger vor Gericht verantworten. Statt Kölsch (Foto) hatten sie minderwertiges Bier abgefüllt und ausgeliefert. Derzeit sorgen Betrugsvorwürfe bei den Mineralquellen Bad Liebenwerda für Aufsehen. Mitarbeiter sollen sich des Pfandbetrugs schuldig gemacht haben. Die Ermittlungen laufen. FOTO: dpa / Oliver Berg
Cottbus/Bad Liebenwerda. Betrugsverdacht bei den Mineralquellen Liebenwerda: Die RUNDSCHAU zeigt, dass im Gastrobereich Betrügereien immer wieder vorkommen. Von Christian Taubert

Der mutmaßliche Millionenbetrug mit Pfandflaschen und Leergut durch Mitarbeiter der Mineralquellen GmbH in Bad Liebenwerda ist bei Weitem nicht der erste Fall auf diesem Gebiet. Während die Staatsanwaltschaft Cottbus die dubiosen Geschäfte untersucht, die Mitarbeiter aus dem Bereich Lager/Vertrieb seit Jahren betreiben sollen, um sich erhebliche Zusatzverdienste zu ergaunern, fliegen Pfandflaschen-Betrügereien bundesweit immer wieder auf (die RUNDSCHAU berichtete).

Im Gastronomie- und Service-Bereich sind in den zurückliegenden Jahren aber auch andere dreiste Maschen aufgeflogen, die Betrüger wurden bestraft.

In Hamburg sind erst Ende Juli drei Männer wegen Biersteuer-Betrugs zu mehreren Jahren Haft wegen schwerer Steuerhinterziehung verurteilt worden. Die Verurteilten hatten einer Bande mit weiteren Mitgliedern geholfen, rund 16 Millionen Liter französisches Bier in Deutschland zu versteuern. Dabei täuschten sie die Behörden mit fingierten Empfangsbestätigungen, Frachtbriefen und Packlisten. So umgingen sie die französische Biersteuer, die deutlich höher ist als die deutsche.

Der Haupttäter war Inhaber einer kleinen Logistik-Firma im Hamburger Hafen, die nicht besonders gut lief. Er konnte kaum die Kosten für Lagermieten und Personal aufbringen. Dann wurde der Kleinunternehmer von einem Hintermann einer internationalen Bande angesprochen.

Deren Mitglieder werden teils in anderen EU-Ländern verfolgt, teils sind sie nicht ermittelt. Der Haupttäter ließ sich darauf ein, zwischen August 2016 und Mai 2017 Empfangsbestätigungen für Bier auszustellen, das tatsächlich jedoch in Frankreich lagerte. Verurteilt wurde er für 117 Fälle.

In Saarbrücken flog 2017 ein Steuerbetrug im großen Stil auf, der mithilfe einer Schummel-Software in Szene-Kneipen begangen wurde. Wegen Beihilfe zum Steuerbetrug hatte das Landgericht Saarbrücken einen 45 Jahre alten Informatiker aus Baden-Württemberg zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der Angeklagte eine spezielle „Korrektur-Software“ für Registrierkassen programmiert hatten, mit deren Hilfe die Betreiber von Szene-Kneipen in Saarbrücken und Saarlouis zwischen 2010 und 2016 ihren Umsatz und damit ihre Steuerlast nach unten gerechnet haben.

Die beiden Gastronomen waren deshalb Ende 2016 bereits zu jeweils drei Jahren und zehn Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. Nach Erkenntnis der Ermittler könnte der Gesamtschaden nebst Zinsen für den Staat allein in diesem Tatkomplex – gegen weitere Wirte sollte ermittelt werden – in der Größenordnung von bis zu zehn Millionen Euro liegen.

In Köln kamen im Vorjahr zwei Bierbetrüger auf die Anklagebank, die statt Kölsch minderwertiges Bier abgefüllt und ausgeliefert haben. Die Getränkehändler hatten vor dem Amtsgericht zugegeben, über Jahre hinweg ein eigens für sie im Sauerland gebrautes Bier als Kölsch ausgegeben zu haben.

Das Urteil wegen gewerbsmäßiger Kennzeichenverletzung ist noch nicht gefallen. Ein anonymer Hinweis hatte den Fall 2015 ins Rollen gebracht. Danach stellte die Polizei auf dem Gelände des Getränkehandels 544 Originalfässer von Kölner Brauereien sicher, gefüllt mit minderwertigem Bier. Die Brüder hatten eine Eigenmarke mit dem Namen „Bachsteiner“ in einer sauerländischen Brauerei produzieren lassen. Abgefüllt wurde sie in Originalfässer von Reissdorf, Sion, Dom, Früh, Gilden und Gaffel.

Damit der Betrug nicht auffiel, hatten die Brüder die Kölschfässer mit Banderolen überklebt, ihr eigenes Label „Bachsteiner“ darüber angebracht und dieses in Köln bei der Anlieferung wieder entfernt. Pro Liter zahlte das Duo netto 54 Cent für die Eigenmarke. Als Gilden-Kölsch ging der Liter dann für 1,35 Euro über die Theke, bei Gaffel waren es 1,55 Euro pro Liter, und Reissdorf schlug mit 1,63 Euro zu Buche.

In Düsseldorf sehen sich Wirte der großen Gastronomie-Betriebe als Konkurrenten. Aber in einer Sache sind sie sich einig: „Die Kreativität möglicher Betrüger in den Betrieben ist extrem hoch“ und „Vor Beschiss ist keiner gefeit“, sind einige von ihnen in Medien vor Jahren zitiert worden. Einige Beispiele:

1. Mitarbeiter einer kleinen Altstadtkneipe haben Flaschen mit Schnaps mitgebracht und verkaufen den Inhalt heimlich auf eigene Rechnung.

2. Ein Gastronom führt derzeit einen Rechtsstreit mit einem fristlos entlassenen Kellner, der die Reste aus zurückgehenden Gläsern einfach zusammengepanscht und wieder verkauft hat.

3. Brauereien kennen Fälle von Wirten, die ihnen vertraglich abgesichert nur ihr Markenbier abkaufen und ausschenken sollen, aber in Großmärkten heimlich Billig-Biere erwerben und diese dann unter dem Namen der bekannten Brauerei zapfen und verkaufen. Die Brauer wehren sich dagegen mit fahrbaren Laboren, in denen man verdächtige Biere untersucht.

4. Betrügerische Zapfer holen aus einem 25-Liter-Fass gut 30 Liter Bier – in den Gläsern ist viel Schaum. Für die fünf Liter Schankgewinn kassieren sie das Geld, der Wirt merkt davon nichts, da er korrekt den Umsatz eines 25-Liter-Fasses bezahlt bekommt.

5. Zu vorgerückter Stunde wird angetrunkenen Gästen der Deckel frisiert — aus 20 Strichen werden 25. Und wenn‘s auffällt, entschuldigt man sich für den Irrtum.

Ein Gastronom sagte: „Über die verschiedenen Methoden könnte ich ein Buch schreiben.“