Die Bevölkerung reagiert empfindlich, zählen doch die Kindergärten zu den wenigen Bereichen, in denen sich Ostdeutschland dem Westen überlegen fühlt. In Thüringen hat eine Bürgerinitiative mehr als 20 000 Unterschriften für ein Volksbegehren gegen weitere Kürzungen bei der Kinderbetreuung gesammelt.
"Die Angebote sind in den neuen Ländern noch immer wesentlich umfangreicher als im Westen", sagt Wolfgang Tietze vom Institut für Kleinkindpädagogik an der Freien Universität Berlin. Kein Kind muss auf einen Platz warten, Anmeldungen über Jahre im Voraus sind nicht notwendig. Zudem bieten die Einrichtungen fast nur Ganztagsplätze an, im Westen trifft das nur auf rund ein Viertel der Plätze zu.

Widersprüchliche Signale
Das dichte Netz stammt noch aus DDR-Zeiten, gestrichen wurde jedoch bei den Angeboten für unter Dreijährige. "1990 gab es noch Plätze für mehr als jedes zweite dieser Kinder, heute liegt die Quote bei rund 30 Prozent - Tendenz fallend", erläutert Tietze. Doch: "Im Westen wird trotz wachsender Nachfrage bei Kleinkindern noch nicht einmal die Fünf-Prozent-Hürde erreicht."
Aus den alten Bundesländern erreichen die Ost-Landesregierungen nach Einschätzung von Tietze widersprüchliche Signale. "Zum einen heißt es, dass sie am Tropf hängen und sich diesen Luxus nicht länger leisten können." Gleichzeitig werde bundesweit intensiv an besseren, familienfreundlicheren Betreuungsmodellen gearbeitet.
In dieser Diskussion treten für den Wissenschaftler auch immer wieder die alten ideologischen Grabenkämpfe zutage. "Im Westen wurden die Ost-Kindergärten als Aufziehanstalten angesehen. Das System nahm den Eltern die Kinder weg, um sie kollektiv zu erziehen." In der Gegenbewegung erhielten die eigenen Kindergärten überhaupt keine Bildungsziele. "Sie blieben reine Bewahranstalten zur kurzzeitigen Entlastung der Mütter."
Dieses Gegeneinander von Familie und Tagesstätte hat die Thüringer CDU-Landesregierung mit ihrem Familienfördergesetz wieder angefacht. Darin wird das Recht auf einen Kindergartenplatz bereits für Zweijährige festgeschrieben, um die Berufstätigkeit von Frauen zu erleichtern. Gleichzeitig hat die Regierung ein Landeserziehungsgeld in Höhe von 150 Euro monatlich für Zweijährige festgelegt. Es wird allerdings nur an die Familien in voller Höhe gezahlt, die ihre Kinder zu Hause behalten. Schicken sie sie in den Kindergarten, bekommt dieser das Geld, zusätzlich zu den Beiträgen. Kritiker wittern darin eine Kampagne "Mütter zurück an den Herd".
In eine ähnliche Richtung deutet das neue Kita-Gesetz in Sachsen-Anhalt. Dort hat die Regierung die Ganztagsbetreuung eingegrenzt: auf Eltern, die beide erwerbstätig sind. Alle anderen Kinder dürfen nur noch bis zu fünf Stunden im Kindergarten bleiben. Eine Regelung, die jährlich 40 Millionen Euro einspart und gegen die ebenfalls erfolgreich ein Volksbegehren organisiert wurde. Aus Sicht von Tietze sollte der Osten alles daransetzen, sein Niveau auszubauen. Der Westen müsse nachziehen. "Deutschland gibt 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Kinderbetreuung aus." Europaweit liege der Schnitt bei einem Prozent.

Vorbild Skandinavien
Im Ausbau der Kinderbetreuung sieht auch die Erfurter Professorin für Sozialpädagogik, Ada Sasse, eine der wenigen Möglichkeiten, den Bevölkerungsrückgang aufzuhalten.
"Die Besiedelungsdichte ist bei uns halb so hoch wie im Westen. Das kann aber nicht bedeuten, dass das flächendeckende Netz der Kinderbetreuung aufgegeben wird." Der Blick nach Skandinavien zeige, dass sich auch unter diesen Umständen mit Tagesmüttern ein gutes Angebot organisieren lässt. "Die Frauen dort bekommen deutlich mehr Kinder."