"Wer kann Le Pen stoppen", fragt das Nachrichtenmagazin "Le Point". Marine Le Pen, die Chefin des rechtspopulistischen Front National (FN), geht bei der ersten Runde der Regionalwahlen am Sonntag ihrem bisher größten Sieg entgegen. Eine Umfrage vier Tage vor der Abstimmung sieht die blonde Anwältin in sechs der 13 Regionen vorn. "Das ist der größte landesweite Beweis ihrer Ausbreitung", sagt Brice Teinturier vom Umfrageinstitut Ipsos der Zeitung "Le Monde". Noch vor Wochen galt Le Pen lediglich als Siegerin in der Region Picardie-Nord-Pas-de-Calais, wo sie selbst als Spitzenkandidatin antritt. In Provence Alpes-Côte d'Azur im Süden wurde ihre Nichte Marion Marechal-Le Pen als ernstzunehmende Gegnerin des konservativen Bürgermeisters von Nizza, Christian Estrosi, gehandelt - mehr nicht. Doch nun sieht es nach einem Erfolg für den FN aus, der sich quer über die ganze Frankreich-Karte verteilt. Mit 29 bis 30 Prozent liegen die Rechtspopulisten landesweit an erster Stelle.

Auch in Regionen wie dem östlichen Elsass-Lothringen-Champagne-Ardenne sehen die Zahlen den Kandidaten des FN vorne: Le Pens Vize Florian Philippot landet der Umfrage zufolge bei 35 Prozent gefolgt vom Konservativen Philippe Richert mit 32 und dem Sozialisten Jean-Pierre Masseret mit 16 Prozent. Die Sozialisten, die bisher die meisten Regionen regieren, schlagen keinen Vorteil aus dem deutlichen Popularitätsgewinn, den Präsident François Hollande nach den Anschlägen verzeichnete.

FN profitiert von Anschlägen

"Die Rechtsextremen scheinen von der spektakulären Umkehr der Prioritäten der Franzosen nach den Attentaten zu profitieren", schreibt "Le Monde". Während bis zum 13. November die Arbeitslosigkeit die Hauptsorge war, steht jetzt die Sicherheit an erster Stelle. Und gut 23 Prozent der Befragten schreiben dem FN die meisten Sicherheitskompetenzen zu, mehr als den anderen Parteien. Andere Themen wie die Wirtschaft, für die die neu zugeschnittenen Regionen zuständig sind, fallen dagegen ab. Dabei hatte der Präsident des Arbeitgeberverbandes Medef, Pierre Gattaz, erst vor zwei Tagen vor dem Wirtschaftsprogramm des FN gewarnt. "Unverantwortlich" seien die Pläne des Front National, sagte der "Boss der Bosse" der Zeitung "Le Parisien".

Gattaz ist nicht der erste außerhalb des Politik-Betriebs, der die Gefahren eines Votums für den FN benennt. "Warum ein Sieg des FN uns beunruhigt", titelte am Dienstag die Zeitung "Voix du Nord", die in Le Pens Region erscheint. "Der niedrig hängende Himmel des Nordens wird uns nicht auf den Kopf fallen, aber unser Horizont wird sich verdunkeln", schreibt der Chefredakteur in seinem Leitartikel.

Der erste Wahlgang am Sonntag dürfte noch in keiner Region eine Entscheidung bringen, denn dazu wäre eine absolute Mehrheit nötig. Doch schon am Wahlabend werden die Verhandlungen über eine "republikanische Front" gegen den FN beginnen. Ein solches Bündnis von Sozialisten und Konservativen gegen Le Pen widerstrebt vor allem dem konservativen Parteichef Nicolas Sarkozy. Er will seine Kandidaten nicht zugunsten der Sozialisten auf die zweite Runde verzichten lassen und hat dabei auch seine eigene politische Zukunft im Kopf: nur ein gutes Ergebnis bei den Regionalwahlen macht aus ihm auch den natürlichen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2017.