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Brandenburg und Berlin planen Bahnkonzept „i2030“
Abstellgleis für verspätete und überfüllte Züge

RE 2-Halt in Raddusch zum Brandenburger Dorf- und Erntefest: Die Kommune will wieder komplett an die Berlin-Verbindung angekoppelt werden.
RE 2-Halt in Raddusch zum Brandenburger Dorf- und Erntefest: Die Kommune will wieder komplett an die Berlin-Verbindung angekoppelt werden. FOTO: Ch. Taubert
Cottbus/Berlin. Konzept "i2030" will mit Ausbau auf der Schiene Berlin-Pendler schneller in die Hauptstadt bringen. Brandenburg und Berlin lösen Blockade bei Vorrangprojekten. Christian Taubert

Das Aufatmen des Fahrgastverbandes Pro Bahn ist beinahe zu hören: Für ihn scheint eine "allzu lange Periode vorüber zu sein, in der im Bahnverkehr von Berlin-Brandenburg nichts voranging". Und das vor allem deswegen, weil die beiden Länder jeweils andere Projekte als vordringlich ansahen. Jetzt nimmt Pro Bahn wahr, dass eine gegenseitige Blockade gelöst wird. Nach langen Jahren.

"Besser jetzt als nie", kommentiert Peter Cornelius, der Landeschef des Verbandes, das gerade angekündigte gemeinsame Entwicklungskonzept für die Infrastruktur des Schienenverkehrs in beiden Ländern "i2030". Cornelius kann es sich allerdings nicht verkneifen zu fragen, "warum die Einsicht, die beiden Länder müssten gemeinsam planen, erst jetzt gekommen ist. Nachdem die meisten Projekte schon seit Jahren und Jahrzehnten ergebnislos diskutiert wurden".

Ausdrücklich lobt Cornelius in diesem Zusammenhang Brandenburgs Verkehrsministerin Kathrin Schneider (SPD), die auf Hemmnisse der Vergangenheit eingehend betonte: "Wir müssen auch aufhören darüber zu diskutieren, ob die S-Bahn oder die Regionalbahn die richtige Lösung ist. Wir werden beide Systeme brauchen, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen."

Mit "i2030" sollen die Bahnverbindungen für Pendler zwischen Berlin und dem Brandenburger Umland verbessert werden. Ein Konzept dafür wollen die beiden Bundesländer und die Deutsche Bahn nun gemeinsam erarbeiten, wie sie in der Vorwoche am Mittwoch mitteilten. Besonders im Blick steht dabei eine Reihe sogenannter Korridore, die die Hauptstadt mit dem südlichen und dem nordwestlichen Umland verknüpfen. Sie führen in Richtung Potsdam, Nauen, Velten, Oranienburg, Basdorf, Blankenfelde und Königs Wusterhausen.

Nach einem langen Anlauf wurde die Rahmenvereinbarung unterzeichnet.
Nach einem langen Anlauf wurde die Rahmenvereinbarung unterzeichnet. FOTO: Kein Fotograf erkannt!

"Die Züge werden immer voller", sagte Susanne Henckel, die Geschäftsführerin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg. "Vor allem in den Spitzenzeiten wird es immer schwieriger, noch einen Sitzplatz zu bekommen." Für den Süden Brandenburgs ist das eher untertrieben. Der Regionalexpress 2 zwischen Cottbus und der Hauptstadt ist nicht nur in Spitzenzeiten überfüllt. Wenn Henckel weiter erklärt, dass etwa längere Bahnsteige, zusätzliche Gleise und neue Haltepunkte nötig seien, um mehr Fahrgäste aufnehmen zu können, dann wird die Lausitz zusätzlich hellhörig.

Denn die gegenwärtig verkehrenden Odeg-Züge lassen sich nicht verlängern, das zweite Gleis zwischen Lübbenau und Cottbus ist in Angriff genommen - aber längst nicht in Sicht - und statt neuer Haltepunkte würde der Region die Anbindung der abgekoppelten Kolkwitz, Kunersdorf und Raddusch ausreichen.

Die Potsdamer Ministerin Kathrin Schneider stellt denn auch klar, dass es keine schnellen Lösungen geben werde. Es gehe um die Entwicklung der Region in den nächsten 20 Jahren, sagte sie. Nach der Vereinbarung, die Berlin, Brandenburg und die Bahn jetzt unterzeichnet haben, übernehmen die Länder die Kosten für vorbereitende Untersuchungen und Planungen. Ein Lenkungskreis soll am 29. November seine Arbeit aufnehmen.

Während die Regierenden in Berlin und Brandenburg ihr angestrebtes Konzept als zukunftsweisend bezeichnen, zeigt sich die CDU-Opposition im Potsdamer Landtag "vom Inhalt enttäuscht". Der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag, Rainer Genilke, verweist auf das vor Monaten vorgelegte Konzept zum Schienenpersonenverkehr in Brandenburg und Berlin. Es sei von Bahnexperten im Auftrag der Fraktion erarbeitet worden und benenne bereits präzise den notwendigen Ausbau der Infrastruktur.

"Die Fakten liegen also auf dem Tisch. Doch statt Investitionsentscheidungen zu fällen, wurde jetzt nur ein weiterer Arbeitskreis gegründet, der sich Ende des Jahres erstmals treffen soll", erklärt der Finsterwalder Genilke. "Statt Hochgeschwindigkeit herrscht beim Ausbau des Schienennahverkehrs also weiter Schneckentempo."

Der Bahnexperte der Brandenburger CDU weist zudem darauf hin, dass die Brandenburger nicht nur am Rand von Berlin mehr Züge brauchen, die schneller und häufiger fahren. "Die werden auch in Cottbus, Perleberg und Jüterbog benötigt", sagt Genilke und lenkt auf die CDU-Studie. In diesem Konzept, das Berlin-Pendlern ebenfalls Vorfahrt gewähren will, das schon jetzt konkrete Lösungsansätze bietet, aber im Brandenburger Landtag von der Regierung gar nicht zur Kenntnis genommen wurde, heißt es:

Im Einzugsbereich der Cottbuser Bahn leben rund 189 000 Einwohner. Hier verkehrt zurzeit ein RE pro Stunde nach Berlin sowie ein Zugpaar des IC Cottbus-Norddeich-Mole.

Nach DB-Planungen soll eine neue IC-Linie Mageburg-Potsdam-Berlin-Cottbus hinzukommen. Zur Mitfahrt soll das VBB-Ticket berechtigen.

Angestrebt wird, abwechselnd IC und RE (mit Halt in Lübbenau, Lübben und Königs Wusterhausen) verkehren zu lassen. Hinzu kommt ein weiterer RE (mit zusätzlichem Halt in Vetschau) und Flügelung des Zuges in Cottbus Richtung Forst und Spremberg.

Ein Metropolexpress (heute RB) Berlin-Cottbus bedient alle Haltepunkte und wird in Lübbenau geflügelt - Richtung Senftenberg und Cottbus. Vorteile: ein bis zwei Züge mehr pro Stunde zwischen Berlin und Cottbus. Alle Züge verkehren über Berlin-Hauptbahnhof.

Die Linke in Brandenburg räumt ein, "dass es sehr viel Nachholbedarf gibt", um auf geänderte Mobilitätsbedürfnisse und gestiegenes Pendleraufkommen im Land zu reagieren. Die verkehrspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion Anita Tack drängt auf der Basis von "i2030" zu schnellen Verbesserungen im Schienenverkehr.

"Jetzt sind dafür die gemeinsamen Grundlagen mit Berlin und der Bahn AG geschaffen", betont Tack. Das betreffe sowohl das quantitative Angebot als auch den Schienenausbau - zweigleisig und elektrifiziert. All das könne nur mit Berlin umgesetzt werden, "damit es auf der Schiene - dem Rückgrat des ÖPNV - zu Fortschritten kommt".

Zum Thema:
Busverkehr in Brandenburg? Da denkt man zumeist an den Schülerverkehr. Ein Netz landesbedeutsamer Buslinien könnte aus Sicht der Grünen im Potsdamer Landtag die bestehenden Mobilitätslücken schließen. Noch enden die meisten Buslinien an den Landkreis-Grenzen, weil die Landkreise für deren Bestellung zuständig sind. Die Grünen fordern verlässliche Verkehrsanbindungen auch abseits der Schiene und haben das Beratungsunternehmen ETC Transport Consultants beauftragt, ein Konzept für Brandenburg zu entwickeln. Dabei sollen Buslinien Bahnlinien nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen. In der Veranstaltungsreihe "Grenzenlos durch die Mark" wurde am vergangenen Donnerstag der Korridor Cottbus-Spremberg-Hoyerswerda genauer beleuchtet.