Der Weg aus der Olympia-Hochglanzwelt hinaus ist kurz. Wenige Schritte vom Qianmen-Hotel mit polierten Wasserhähnen und reichhaltigen Buffets - und man steht mitten im alten Peking: Der 77-jährige Zhao Shizeng schlurft in seiner schwarzen Sporthose, die Zigarette in der Hand, zur öffentlichen Toilette. Die Hutong-Gasse zwischen den niedrigen Steinhütten ist schmal. Zhao Shizeng muss sich an die Wand drücken, als ihm eine alte Frau mit Krückstock langsam entgegenkommt. Ein Blick in den kleinen Hinterhof, von dem aus gleich vier Wohnungen abgehen: Neben der Kochgelegenheit und einem Spülbecken liegen Töpfe und Pfannen, der Kehrbesen steht daneben, und über den Hof ist eine Wäscheleine gespannt - hier spielt das ganz andere Pekinger Leben.
S eit Ende der 1990er-Jahre verschwanden immer mehr dieser traditionellen Stadtviertel in Chinas Hauptstadt, aber auch in allen anderen Metropolen des Riesen-Reiches. Wo einst unüberschaubar verwinkelte Gassen mit Wohnhäuschen und Geschäften aller Art das Straßenbild bestimmten, stehen heute oft sterile Plattenbauten. Im Vorfeld der Olympischen Spiele - aber nicht allein deswegen - machten die Bagger in Peking dann massiv diese alten Wohngebiete platt.
Manchmal erhielten die so zwangsweise Umgesiedelten keine schlechte Entschädigung, oft aber viel zu wenig - vor allem gemessen an der Explosion der Immobilienpreise in der chinesischen Hauptstadt. Vielen Baugesellschaften kam das Mega-Sportereignis gar nicht so ungelegen. Ein Vorwand, um Hutongs abzureißen und schillernde Einkaufszentren, Bürokomplexe oder Nobel-Wohnungen zu bauen. Schließlich liegen diese alten Wohngebiete zumeist in 1 A-Lage mitten in der Stadt.
Auch wenn die Chinesen dort sehr einfach wohnen, heißt das nicht, dass sie arm sind und nichts auf der hohen Kante liegen haben. Sie genießen es nur einfach sehr, zentral und in einem gewachsenen sozialen Netz zu leben. "Hier kennt jeder jeden, alle helfen sich gegenseitig", ist immer wieder zu hören. Das jedoch hält die Stadtentwickler überhaupt nicht in ihrem Bestreben ab, diese "städtischen Dörfer" zu beseitigen - sie sind ihnen zu schmutzig und heruntergekommen.
T atsächlich sammelt sich an vielen Ecken der Müll, eine eigene Toilette hat hier niemand, es gibt nur Plumpsklos für alle. Säuerlicher Geruch liegt in der Luft, als Zhao Shizeng das Örtchen erreicht. Im Hof nebenan stapeln sich auf engstem Raum ein ausrangierter Kocher, Winterschuhe und ein altes Fahrrad. Im Herbst wird hier wieder der Weißkohl für den Winter lagern. Tristesse. Farbenfroh ist hier nur der kleine Sittich, der in seinem Vogelkäfig an einem Dachvorsprung fröhlich trällert.
In einem Häuschen in diesem Hutong nahe der Verbotenen Stadt wohnt He Dong mit Frau und Kind. Sie sind Schneider und kommen aus der Provinz Hebei. "Es tut mir leid, dass hier alles so unaufgeräumt ist", entschuldigt sich Frau He. "Wir haben gerade viel zu tun." Im vielleicht zehn Quadratmeter großen vorderen Zimmer ist ihre Werkstatt, überall liegen Maßbänder und Stoffstücke herum. Dahinter ist noch ein weiterer Raum mit einem großen Bett, auf dem alle drei zusammen schlafen. Wie bei fast allen ihren Nachbarn am Rande der Gassen flimmert derzeit ununterbrochen der Fernseher, oft ist die Bildqualität extrem schlecht. Aber auch He Dong will schließlich etwas von Olympia mitbekommen. "Wir gucken gerne und jeden Tag neben der Arbeit." Gewichtheben finde er besonders spannend.
B efragt zu den Auswirkungen der Olympischen Spiele auf China, gibt sich He Dong ganz patriotisch: "Vor allem die Umwelt und auch die Menschenrechte haben sich deutlich verbessert", näher kann er das allerdings nicht erläutern. Aus He Dongs Schneider-Laden hinaus und nächste Straße rechts - einige wenige breitere Straßen für Autos führen durch den Hutong - sieht man praktisch nur noch schwarz. In einem Hinterhof türmen sich Abertausende runde Kohlebriketts mit Löchern drin, aus einer Tür dringt ein mechanisches "kawumm, kawumm, kawumm . . .". Aus einem riesigen Behälter ergießt sich dort die zerkleinerte Kohle auf ein Fließband, wird dann mit etwas Wasser beträufelt und in einer Maschine zu Briketts gepresst, "kawumm, kawumm".
Der Arbeiter - im Gesicht, an den Händen, eigentlich überall Kohlespuren - nimmt immer sechs auf dem Fließband ankommende Briketts auf einmal und stapelt sie auf die Pritsche seines Lastenfahrrades. Als dieses voll beladen ist, schiebt er den schweren Drahtesel davon, ans Fließband stellt sich jetzt ein Kollege. Arbeitsschutz ist in dieser kleinen Fabrik Fehlanzeige. Wer sich hierher verirrt, kommt ohne Weiteres bis an die schwere Press-Maschine heran. An den Wänden hängen Parolen aus Maos Zeiten, die Stärke und Selbstrespekt anmahnen. Der kleine Raum ist nur erleuchtet von zwei nackten Glühlampen.
B ei Außentemperaturen von mehr als 30 Grad herrschen hier gefühlte 50. Schnell hinaus, die Arbeiter dürfen eh nicht über ihren Job sprechen. "Das hat Laoban so gesagt." Laoban, das ist der Chef, und der Chef ist nicht aufzutreiben. Zhao Shizeng schlendert fast täglich an dieser Brikett-Fabrik vorbei, sie liegt nur zwei Gassen von seinem Zuhause entfernt. Dort hält er sich bei der Hitze aber ungerne auf, sitzt jetzt lieber auf einem niedrigen Hocker davor und schaut in die Gegend. Viel passiert hier nicht. "Morgens mache ich immer Sport", sagt er mit zahnlosem Mund. In einem Park oder auch in den Hutongs laufe er dann ein wenig. Olympia? "Ich bin begeistert von Olympia. Für China ist das eine tolle Chance, sich dem Ausland zu präsentieren." Habe er davon irgendwelche Vorteile? "Ich bin auf mein Land stolz."
Stolz ist auch der junge Mann, der sich mit seinen Eltern im nächsten Gang eineinhalb Zimmerchen teilt. "Für China sind die Spiele etwas ganz Großes." Na ja, für ihn persönlich hätte sich aber tatsächlich rein gar nichts geändert, weder im Positiven noch im Negativen. Die Friseurin Wang Qing wenige Schritte weiter meint, aus dem Fenster ihres höchstens sechs Quadratmeter großen Ladens gebeugt: "Für das Image unseres Landes sind die Olympischen Spiele toll." Auch sie schaue die Wettbewerbe im Fernsehen an, sobald sie keine Kunden habe. Klar, wäre sie gerne ins Stadion gegangen, aber an Karten sei sie nicht herangekommen.
Kritische Worte dazu, dass für "normale" Chinesen vielfach vor den Sicherheitszäunen der Olympischen Wettkampfstätten Schluss ist, sind in diesem vielleicht einen halben Quadratkilometer großen Hutong nicht zu hören. "Da kann man halt nichts machen", meint Friseurin Wang Qing. Auch ihre Nachbarin, die sich nur "May" nennt - sie mag gerne Pflaumen und hat sich deshalb das Schriftzeichen "mei" (Pflaume) ins Englische übersetzt - bekommt von den Olympischen Spielen in der Stadt nur auf dem Bildschirm etwas mit. Ihrer Olympia-Begeisterung scheint dies aber keinen Abbruch zu tun.
D abei soll es Bewohnern in anderen Hutongs wegen der Spiele verboten worden sein, auf Kohleöfen zu kochen - ganz im Sinne der Verbesserung der Luftqualität, einem hehren Ziel der Olympia-Macher. Von den Bewohnern des Hutongs, in dem Zhao Shizeng und all die anderen leben, sind aber auch dazu keine kritischen Töne zu hören. Warum? Zhao Shizeng zuckt mit den Schultern. Dann schlurft er in sein Häuschen, um heißes Wasser aus einer Thermoskanne auf die Teeblätter in seinem Becher zu gießen. Der dritte Aufguss für ihn an diesem Tag, der vergeht wie jeder andere - trotz Olympia.

Zum Thema Die 17-Millionen-Metropole Peking
 Rund 17 Millionen Einwohner leben in der chinesischen Hauptstadt Beijing - in Deutschland noch immer besser bekannt als Peking. Während der Ming-Dynastie (1368 bis 1644) verlegte der Kaiser seine Hauptstadt von Nanjing (wörtlich: Süd-Hauptstadt) nach Beijing (Nord-Hauptstadt). Während der Mingzeit entstand auch die Verbotene Stadt . Der ehemalige Kaiserpalast ist heute neben der stadtnah verlaufenden Großen Mauer die größte Touristenattraktion. Auf dem Eingangstor am Platz des Himmlischen Friedens rief Mao Tsetung am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik aus. Mit den marktwirtschaftlichen Reformen hat sich Peking atemberaubend schnell entwickelt. Alte Stadtviertel wurden dem Erdboden gleichgemacht. In einige der wenigen restaurierten Häuser des "alten Peking" zogen schicke Galerien und Geschäfte ein. Das traditionelle Leben in den Hutong-Gassen verschwindet immer mehr, muss Bürogebäuden und Einkaufszentren Platz machen. Heute ist Peking eine moderne Metropole mit sechs Autobahnringen und einer Skyline wie amerikanische Mega-Citys. Der Flughafen wurde um den größten Terminal der Welt erweitert und fertigt in diesem Jahr mehr Passagiere ab als die Drehscheibe Frankfurt/Main.