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Abschuss eines Wolfes als letztes Mittel

ARCHIV - Der vier Monate alte Wolfswelpe Janosch (r) läuft zusammen mit der Adoptivmama Lena am 25.09.2012 durch ihr neues Gehege im Wildpark Eekholt.
ARCHIV - Der vier Monate alte Wolfswelpe Janosch (r) läuft zusammen mit der Adoptivmama Lena am 25.09.2012 durch ihr neues Gehege im Wildpark Eekholt. FOTO: Carsten Rehder (dpa)
Berlin. Wenn der Wolf kommt, wird es emotional. Zum ersten Mal haben sich nun Naturschützer und Nutztierhalter verständigt: Der Wolf gehört zu Deutschland. Aber nicht um jeden Preis. Mittragen wolle diesen Kompromiss allerdings nicht alle.

Naturschützer, Tierfreunde und Schäfer haben sich erstmals auf eine gemeinsame Strategie zum Umgang mit Wölfen in Deutschland geeinigt. "Es geht nicht mehr darum, ob das Zusammenleben mit Wölfen funktioniert, sondern wie", sagte Moritz Klose, Wildtierexperte beim Umweltschutzverband WWF, am Donnerstag in Berlin.

Gemeinsam sprechen sich die Verbände unter anderem für ein Wolfsmanagement in den Bundesländern, Investitionen in Schutzzäune und einen schnellen Schadensausgleich nach Wolfsattacken auf Nutztiere aus. Die Einigung umfasst aber auch den Abschuss von "Problemwölfen" durch Naturschutzbehörden als letztes Mittel. "Einzelne Wölfe dürfen nicht die Akzeptanz für die ganze Art gefährden", sagte Klose.

Bisher habe es beim Thema Wolf eher Grabenkämpfe zwischen verschiedenen Interessengruppen und emotionale Diskussionen gegeben, erläuterte Klose. Auf das neue Programm "Weidetierhaltung und Wolf in Deutschland. Eckpunkte für ein konfliktarmes Miteinander" haben sich nun unter anderem Bund, Nabu, WWF, der Bundesverband der Berufsschäfer, der Tierschutzbund und der Ökologische Jagdverband geeinigt. Der wesentlich größere Deutsche Jagdverband ist allerdings nicht dabei.

Auch der Deutsche Bauernverband war nicht an den Eckpunkten beteiligt. Es sei nicht damit getan, einzelne Problemwölfe zu entnehmen und Zäune zu ziehen, sagte Generalsekretär Krüsken der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Es bedarf einer Bestandsregulierung
und einer Festlegung von Gebieten, die für eine Wiederansiedlung des Wolfes nicht in Frage kommen."

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) sagte: "Wir brauchen ein Wolfsmanagement, das bestandserhaltend ist, aber nicht zu wachsenden Konflikten führt. Der Wolf darf nicht pauschal als unantastbar betrachtet werden. Dort, wo er in zu großer Zahl auftritt und der Schutz der Nutztierbestände vor dem Raubtier nicht möglich ist, brauchen wir eine Bestandsregulierung. Wir können nicht alle Deiche und die Alpen komplett einzäunen."

Wölfe breiten sich seit dem Jahr 2000 wieder in Deutschland aus. Bundesweit werden nach Nabu-Angaben in diesem Jahr 61 Rudel mit jeweils sieben bis zehn Tieren und 19 Paare beobachtet. Dauerhaft niedergelassen haben sich Rudel in Brandenburg (24), Sachsen (18), Sachsen-Anhalt (11), Niedersachsen (11) und Mecklenburg-Vorpommern (4). In Bayern sind zwei Paare und in Thüringen ein Einzeltier bekannt.

Wölfe stehen unter strengem Schutz. Ihr Abschuss gilt wie bei Luchsen und Greifvögeln als Wilderei. Darauf stünden Geldstrafen bis zu 50 000 Euro und Haftstrafen von bis zu fünf Jahren, sagte Klose. Seit dem Jahr 2000 seien 25 Wölfe nachweislich illegal getötet worden, die Dunkelziffer gilt als weitaus höher. Nur drei Täter seien ermittelt, nur einer verurteilt worden, ergänzte er. "Deutschland hat ein Wildereiproblem."

Zwischen 2002 und 2015 haben Wölfe nach Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes mehr als 2000 Nutztiere gerissen. Mit der wachsenden Anzahl und Ausbreitung der Wölfe nahm die Zahl der Attacken zu. Zu fast 90 Prozent rissen Wölfe Schafe und Ziegen, sehr viel seltener Wild in Gattern (8 Prozent) und kleine Rinder (2 Prozent). Nach den jüngsten Zahlen für 2015 waren es bundesweit rund 200 Attacken, bei denen Wölfe im Schnitt bis zu vier Nutztiere töteten.

Die meisten Angriffe von Wölfen auf Nutztiere gibt es nach Angaben der Beratungsstelle des Bundes, wenn Wölfe sich in neuen Gebieten etablieren und Schaf- und Ziegenhalter sich noch nicht auf sie eingestellt haben. Meist gingen die Schäden in diesen Gebieten nach ein bis zwei Jahren zurück, weil Tierhalter gelernt hätten, mit der Anwesenheit von Wölfen umzugehen.

Das neue Bündnis spricht sich für 1,20 Meter hohe Elektrozäune aus, um Nutztiere vor Wölfen zu schützen. Als weitere Möglichkeit werden ausgebildete Herdenschutzhunde wie Pyrenäenberghunde empfohlen, die anders als Hütehunde Wölfen Paroli bieten. Nach Kloses Angaben unterstützen Bundesländer Investitionen in den Wolfsschutz inzwischen mit 70 bis 100 Prozent Kostenübernahme.

In Deutschland betrugen die Ausgaben für Herdenschutz im Jahr 2015 rund eine Million Euro. Wird dennoch ein Wolf als Übeltäter vermutet, kann ein Nutztierhalter innerhalb von 24 Stunden einen staatlichen Rechtsgutachter als Grundlage für Entschädigungen rufen. Die Ausgleichszahlungen lagen 2015 bundesweit bei 107 000 Euro.