Knapp ein Viertel der israelischen Wähler hat sich hinter Olmert und seine Kadima gestellt. Dass die von dem im Koma liegenden Ariel Scharon erst im November gegründete Partei deutlich weniger Stimmen erhielt, als von Umfragen lange Zeit vorhergesagt, ist sicherlich auch Olmerts mangelndem Charisma zuzuschreiben. Doch nun ist die Ära Scharon endgültig vorbei und Olmert aller Voraussicht nach der neue israelische Regierungschef. Sein politisches Programm hat er in den vergangenen Wochen oft genug erläutert und gestern erneut bekräftigt: "Ich bin bereit, den Traum von einem Groß-Israel aufzugeben." Dieses Zitat ist das Ergebnis seines ideologischen Wandels, den auch sein politischer Freund Scharon vollzog.
Olmerts Plan sieht vor, bis 2010 die Grenzen Israels zum Westjordanland ohne Abstimmung mit den Palästinensern einseitig festzulegen. Dafür will er die jüdischen Siedlungen jenseits der Sperranlage zum Westjordanland auflösen. Betroffen davon wären rund ein Drittel der heute im Westjordanland lebenden 240 000 Siedler. Die großen Siedlungsblöcke sollen hingegen an Israel angegliedert werden. Der Plan ist eine radikale Fortsetzung des unter Scharon vollzogenen Rückzugs aus dem Gazastreifen.
"Wir sind bereit, Juden aus den Siedlungen zu evakuieren, um euch den Traum von einem eigenen Staat zu ermöglichen", sagte Olmert an die Adresse der Palästinenser. Gespräche über einen eigenen Staat seien jedoch nur möglich, wenn die Palästinenser auf ihren "Traum von der Zerstörung" Israels verzichteten. Sei dies nicht der Fall, werde Israel sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen.

2020 mehr Araber als Juden
Schon für den Abzug aus dem Gazastreifen ist Olmert mitverantwortlich. Bevor Scharon 2004 den einseitigen Rückzug Israels ankündigte, erklärte sein treuer Weggefährte, dass sich Israel schnellstmöglich von den palästinensischen Gebieten trennen müsse. Angesichts der schnell wachsenden arabischen Bevölkerung in Israel verliere das Land sonst seinen jüdischen Charakter. "Wenn alles so bleibt, wie es ist, werden wir im Jahr 2020 60 Prozent Araber und 40 Prozent Juden sein", begründete er den Wandel seiner Einstellung gegenüber den Palästinensern mit einem Rechenexempel.

Politischer Erbe des kranken Scharon
Als Scharon im November wegen des fehlenden Rückhalts für den Abzugsplan aus der Likud-Partei austrat und die Kadima gründete, folgte ihm Olmert als einer der ersten. Mit Scharons schwerer Erkrankung rückte der 60-Jährige ins Zentrum der Öffentlichkeit. Sowohl nach Scharons erstem Schlaganfall im Dezember als auch nach dem zweiten Anfang Januar übernahm der Finanzminister und Vize-Ministerpräsident die Regierungsgeschäfte.
Dass Olmert sich wie Scharon vom politischen Falken zum Pragmatiker wandelte, ist offenbar nicht nur seinen rechnerischen Überlegungen zu verdanken. Seine Frau Alisa, mit der er vier Kinder hat, hat all die Jahre links gewählt. "35 Jahre harter Überzeugungsarbeit durch Alisa haben Früchte getragen", räumt der künftige Ministerpräsident lachend ein.